Traumasensibles Yoga

Autor*in:Jasmin Hühn, IFY Teacher Training Alsfeld 2021-2022
Kommentar:Alle abgebildeten Abschluss- und Hausarbeiten im Spiritainment sind, wie auch diese, im Rahmen von Inner Flow Ausbildungen entstanden. Sie sind weiter geistiges Eigentum der Autor*innen und werden mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.

Mit meinem Feind, meinem Körper, Frieden schliessen

Exposé

Menschen mit traumatischen Erlebnissen fühlen sich oftmals verraten von ihrem eigenen Körper, weil er Ort der schrecklichen traumaassoziierten Empfindungen ist. Yoga kann ein Weg sein, wieder die Verbindung zum Körper wiederherzustellen, mit ihm Frieden zu schließen, und somit ein wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses sein.

Einleitung

Intro

Plötzlich dieses unangenehme Gefühl, was meinen gesamten Körper einnimmt und kaum in Worten zu beschreiben ist. Ich liege da auf der Yogamatte und fühle intensive Einsamkeit und Kälte. Mein Körper ist starr. Ein Gefühl, was mir aus meinem Alltag völlig fremd ist, und doch kommt mir dieses Gefühl so vertraut vor. Und dann erinnere ich mich wieder daran, wie es mich in meiner Kindheit begleitet hat, und ich weiß sofort wieder, in welcher Situation es entstanden ist. Die Überraschung darüber, was da in mir schlummert, ist groß.

Traumatische Erlebnisse speichern sich als Gefühle und Empfindungen im Körper ab, man nennt das Körpergedächtnis (Daberer, 2014). Als ich dies in einer Yogastunde so leiblich erfahren habe, war das die Geburtsstunde meines Interesses an dem Potential von Yoga bezüglich der Therapie und der Integration von traumatischen Erlebnissen. Das Gefühl habe ich seitdem noch ein paar Mal während der Yogapraxis gespürt und einen sichereren Umgang damit finden können. Dabei hat mir geholfen mir zu vertrauen, Empfindungen wertfrei anzunehmen und mich sicher genug in mir zu fühlen, dies auszuhalten, und mir so bei meiner Selbstheilung zu helfen.

Einführung ins Thema

Es gibt unterschiedliche Arten von Traumatisierungen. Neben dem Schocktrauma, was durch ein einzelnes überwältigendes Ereignis entsteht, wie z.B. ein schwerer Unfall, gibt es auch Entwicklungstraumata oder auch Bindungstraumata genannt.

Darüber hinaus unterscheidet man im ICD-11 zwischen der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und der komplexen PTBS.

Während die PTBS ausschließlich Schocktraumata umfasst, schließt die komplexe PTBS auch Entwicklungstraumata ein. Bei der komplexen PTBS haben die Traumatisierungen chronisch bzw. wiederholt stattgefunden. Betroffene sind meist in einer Atmosphäre groß geworden, die von schlechter Behandlung und Vernachlässigung geprägt war (Emerson & Hopper, 2021).

Zu den Symptomen zählen Probleme im Umgang mit den eigenen Emotionen, Schwierigkeiten im Aufbau gesunder Freundschaften und Beziehungen, Gefühle von Wertlosigkeit und Scham, Neigung zu Selbstkritik und das Gefühl, selbst schuld am erfahrenen Leid zu sein (Emerson & Hopper, 2021).

Bei einem Trauma wird ein angeborenes körperliches Reaktionsmuster aktiviert, was dann aber nicht wieder aufgelöst wird. Das kennzeichnet sich dann im Körper durch Erstarrung, vermindertem Schmerzempfinden, eine starke emotionale Aktivierung (Hyperarousal), Dissoziation sowie eine Erschütterung des Urvertrauens (Hadert, 2003).

Im Traumacenter in Boston wird Yoga seit über 20 Jahren als ergänzende Therapiemethode bei komplexer PTBS angewendet (Härle, 2017). Denn es hat sich bei komplexer PTBS als schwierig erwiesen, den Zugang zu Traumaschemata nur durch verbale bzw. kognitive Interventionen zu finden.

Besonders bei komplexer PTBS sind Konfrontationstherapien oft nicht wirksam, da die Betroffenen nicht über die notwendige Stabilität verfügen, um die Exposition zu ertragen, und es somit oft zu Therapieabbrüchen kommt (Emerson & Hopper, 2021).

In der folgenden Ausarbeitung soll es daher vor allem um die Wichtigkeit von Yoga bei komplexer PTBS und die zentralen Aspekte der traumasensiblen Yogapraxis gehen.

Hauptteil

Schulten & Truffer Summhammer (2017) betonen, dass der Körper Ort einer Traumaentstehung, aber auch der Heilung dessen ist. Denn ein Trauma zeigt sich fragmenthaft in Körperempfindungen wie Erstarrung, Taubheit, Enge, Schmerzen, Druck, Atemnot und Gefühlen wie Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung und ist somit in Form von Bewegungsmustern im Körper gespeichert bzw. eingefroren (Daberer, 2014). Wie tiefgreifend ein Trauma im Körper gespeichert sein kann, wird in der Redewendung „das trifft mich bis ins Knochenmark“ deutlich (Hadert, 2003).

Traumatisierte haben daher auch häufig eine geringere Verbindung zu ihrem Körper, eine verminderte Körperwahrnehmung und neigen dazu, sich nicht sicher im eigenen Körper zu fühlen und ihn eher als Feind zu sehen, sich vor ihm zu ekeln oder für ihn zu schämen (Härle, 2017).

Deswegen ist es naheliegend, dass traumasensitives Yoga bei Traumafolgestörungen wirkt, weil es durch Atem, Bewegung und Achtsamkeit mit dem Körper arbeitet. Somit ist es ein Bottom-up-Ansatz, d.h. entgegen den kognitiven Behandlungsansätzen, die top-down arbeiten, also von der Psyche auf das somatische Erleben wirken wollen, wird im traumasensiblen Yoga das somatische Erleben als Zugang zur Psyche genutzt (Emerson, Hopper, 2021).

Eine Untersuchung von Daberer (2014), in der eine 6-wöchige Trauma-Yoga-Intervention den Proband:innen helfen konnte, Zugang zu ihren inneren Ressourcen wie zu Gefühlen von innerer Stärke, Entspannung und Sicherheit zu finden, untermauert dies. Außerdem hat die Yoga-Intervention zu einer leichten Verbesserung im Körperempfinden und in der Selbstsicherheit geführt.

Auch die erfolgreiche Anwendung von traumasensiblem Yoga als ergänzende Therapiemethode im Traumacenter in Boston lassen auf die Wirksamkeit schließen (Härle, 2017).

Yogabasierte Ansätze fördern das Gefühl, mit sich selbst verbunden zu sein und in der Gegenwart präsent zu bleiben. Sie helfen, Körperempfindungen auszuhalten und stärken den Aufbau einer gesunden Beziehung zum eigenen Körper und zu sich selbst. Dadurch wird auch auf die Beziehungen des Betroffenen, auf das allgemeine Befinden in der Welt und die Psyche Einfluss genommen (Emerson & Hopper, 2021).

Neurobiologische Effekte

Dass der Körper Ort der Traumatisierung ist und daher Auswirkungen auf ihn hat, lässt sich auch nachweisen. Menschen mit Traumatisierungen haben nachweislich eine verringerte Herzratenvariabilität und ein verringertes Hippocampusvolumen, was viel anfälliger für Stress macht.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass Todesursachen wie Fettleibigkeit, ischämische Herzerkrankungen, Krebs, chronische Lungenerkrankungen, Knochenbrüche und Lebererkrankungen bei Menschen mit Traumatisierung eine höhere Prävalenz aufweisen. Auch die Entstehung von schwerwiegenden Substanzabhängigkeiten sowie Depressionen und Suizidalität ist stark erhöht (Emerson & Hopper, 2021).

Es konnte festgestellt werden, dass regelmäßige Yogapraxis hilft, die Aktivität des autonomen Nervensystems zu reduzieren, und somit auch die Herzratenvariabilität zu verändern (Karrasch et al., 2020). Außerdem scheint Yoga akut den Kortisolspiegel und langfristig entzündungsfördernde Zytokine zu reduzieren. „Dies unterstützt die Vermutung, dass Yoga-Training die physiologische Stressreaktion reduzieren und so das neuroendokrine System und Immunsystem vor Belastungen durch chronischen oder traumatischen Stress schützen kann (Karrasch et. Al, 2020, S. 37)“.

Das Setting

Nach Schulten & Truffer Summhammer (2017) ist es als Yogalehrer:in im traumasensiblen Yoga wichtig, darauf zu achten einen sicheren Raum zu schaffen, in dem sich die Teilnehmenden so platzieren können, dass sie sich wohl fühlen. Eine angemessene Beleuchtung, Temperatur, Belüftung und genügend Platz sollten ein sicheres Gefühl vermitteln. Weiterhin ist zu empfehlen den Teilnehmenden die Wahl zu lassen, ob sie im Stehen, Liegen oder im Sitzen und ob sie statisch oder dynamisch üben wollen.

Auch ein wichtiger Faktor ist die Stimme der lehrenden Person. Sie sollte sanft und liebevoll klingen und die Worte sollten annehmend, akzeptierend und einladend sein. Es wird nicht angeleitet, sondern es werden Angebote und Einladungen ausgesprochen (Härle, 2017). Dabei sollte auf Bewertungen (gut, schlecht, richtig, falsch), also auch auf Lob verzichtet werden und prinzipiell alles, was im Innen und Außen wahrgenommen wird, wohlwollend akzeptiert werden.

Einige beispielhafte Formulierungen wären:

„Wenn Sie möchten …“

„Wenn es jetzt für Sie stimmig ist …“

„Wenn Sie so weit sind …“

„Vielleicht möchten Sie Folgendes ausprobieren …“

Wichtig ist auch, Modifizierungen und Alternativen der Übungen anzubieten, wo dies nötig ist, also die Möglichkeit, jederzeit etwas zu ändern. Das Ziel ist, dass die Teilnehmenden auf eine Art und Weise praktizieren, die sich für sie persönlich stimmig, angenehm und sicher anfühlt. Denn Traumatisierte haben oft verlernt, auf sich und ihren Körper zu hören. Allerdings sollte auf körperliche Hilfestellungen und dauerndes Umherlaufen verzichtet werden, da dies die Überwachsamkeit der Teilnehmenden triggern könnte (Härle, 2017). Auch zu lange Pausen sollen nach Härle (2017) vermieden werden, da sie Gefühle von Haltlosigkeit und Dissoziation hervorrufen könnten.

Traumasensible Haltung

Im traumasensiblen Yoga wird eine wohlwollende, respektvolle und akzeptierende Haltung dem eigenen Körper gegenüber geübt, welche Vergleichsdenken und (Selbst-)Bewertung ausschließt. Die Yogapraxis sollte frei sein vom Streben nach Leistung und Perfektion (Schulten & Truffer Summhammer, 2017).

Ein zentraler Bestandteil im traumasensiblen Yoga ist das achtsame Hinspüren, das heißt, sich immer wieder bewusst dazu zu entscheiden, den Körper zu fühlen. Dabei wird das körperliche Gewahrsein immer auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet und somit im Hier & Jetzt anstatt im Dort & Damals praktiziert.

Es kann vorkommen, dass man in Kontakt mit schwierigen Empfindungen kommt. Wichtig ist, diese nicht abzuwehren, sondern sich ihnen anzunähern, ohne sich davon einnehmen zu lassen, und diese als Chance zur Integration zu sehen. Sollte die Belastung allerdings zu groß sein, kann es auch besser sein eine Übung abzubrechen, sich zu reorientieren und den Fokus auf den Aufbau von Ressourcen zu legen. Der Aufbau von Ressourcen ist im traumasensiblen Yoga ein notwendiger Schritt, bevor man sich der Konfrontation zuwendet (Emerson & Hopper, 2021)! Prinzipiell geht es aber langfristig darum, auch unangenehme Körperempfindungen wieder auszuhalten (Exposition), ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen und somit wieder ein Gefühl der Kontrolle über den eigenen Körper und Selbstbestimmung zu erlangen (Schulten & Truffer Summhammer, 2017).

Interozeption & Ressourcen

Interozeption meint das Empfinden der Vorgänge des Körperinneren wie Herzfrequenz, Temperatur, Gewicht, Dehnung, Entspannung, Gleichgewicht, Schmerz, Atem, Druckempfindungen, Muskelaktivität und die Aktivität der Organe. Durch Asanas und damit die Veränderung der Körperphysiologie werden mehr interozeptive Signale ausgesendet, was die Interozeption erleichtert (Härle, 2017).

Interozeptionen spielen auch bei der Wahrnehmung von Emotionen eine Rolle, weil Emotionen gemeinsam mit Körperempfindungen auftreten (z.B. steigende Herzfrequenz – Angst).

Im traumasensiblen Yoga versucht man die Interozeptive Wahrnehmung zu erhöhen, um somit besser im Beobachterzustand verweilen zu können. Durch die gewonnene Distanz aus dem Beobachterzustand heraus ist es leichter möglich, traumatische Stressreaktionen wahrzunehmen, sie zu bremsen und sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen. Außerdem hilft es, die Übungen so zu verändern, wie sie sich stimmig für einen selber anfühlen, und somit effektiv zu handeln, was die Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung fördert.

Härle (2017) beginnt im traumasensiblen Yoga damit, die Interozeption der Peripherie, also z.B. der Füße zu fördern, und arbeitet sich dann langsam zum Rumpf vor. Dabei geht es darum, seine individuellen somatischen Ressourcen zu finden, das heißt Haltungen oder Atemübungen, die beruhigend wirken und sich positiv auf die Befindlichkeit auswirken. Das ist immer individuell und kann nur vom Teilnehmenden selbst herausgefunden werden. Härle (2017) empfiehlt als anleitende Person selbst mitzumachen, um über die interozeptiven Erfahrungen authentisch sprechen zu können. Eine beispielhafte Anleitung wäre: „Vielleicht spüren Sie die Temperatur des Bodens. Vielleicht spüren Sie auch wenig oder gar nichts.“ Wichtig ist, dass auch Nichts-Spüren erlaubt wird.

Entscheidungsfreiheit

Im traumasensiblen Yoga wird, sobald ein gewisser Grad an Interozeptiver Wahrnehmung vorhanden ist, begonnen Wahlmöglichkeiten (zunächst zwei) zu geben, also den Teilnehmenden die Wahl zwischen Übungen zu lassen. Dabei geht es auch hier wieder darum, Ressourcen ausfindig zu machen (Härle, 2017).

Raus aus der Erstarrung

Aufgrund der Erstarrungsreaktion haben Traumatisierte trotz der immensen Energie, die im Körper mobilisiert wurde, um sich von der Bedrohung zu schützen oder zu entfernen, keinen Zugang zu ihr. Damit einher gehen Gefühle von Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit. Deshalb ist im traumasensiblen Yoga ein wichtiger Bestandteil, die Fähigkeit wieder zu erlernen, effektiv zu handeln. Eine effektive Handlung wäre beispielsweise, falls man bemerkt, dass einem im Yogaraum zu kalt ist, aufzustehen und sich eine Decke zu holen oder das Fenster zu schließen. Also eine Handlung, bei der man aktiv etwas tut, was dazu führt, dass man sich besser, sicherer, wohler oder handlungsfähiger fühlt. Damit ist auch gemeint zu lernen, eigenständig eine Asana rechtzeitig zu beenden oder die Ausführung einer Asana zu verändern (Härle. 2017).

In den traumasensiblen Yogasitzungen ist es deshalb wichtig, die Kursteilnehmer zu bitten mitzuteilen, ob es ihnen zu warm oder zu kalt ist, und etwas für die Verbesserung des eigenen Wohlbefindens zu tun oder um Hilfe zu bitten (Emerson & Hopper, 2021).

Expositionstherapie

Ist der Grundstein aus Interozeption, Ressourcen und Wahlmöglichkeiten gelegt, kann mit der Expositionstherapie begonnen werden. Dabei geht es darum, in einer Asana, die unangenehme Empfindungen auslöst, zu verweilen oder noch tiefer zu gehen mit der Option, die Asana jederzeit verlassen zu dürfen. Ziel ist, dass die neue Erfahrung gemacht wird, dass sich die Empfindung verändert und sich somit ein Gefühl von Kontrolle der Emotionen und Körperempfindungen einstellt.

Auch wenn sich der Teilnehmende entscheidet die Asana zu beenden, um etwas gegen die unangenehmen Gefühle zu tun, ist dies eine positive Lernerfahrung und fördert das Selbstwirksamkeitserleben (Härle, 2017).

Trauma und Spiritualität

Da Yoga eine spirituelle Praxis ist, möchte ich mich zum Schluss noch dem Sinn von Trauma in der spirituellen Entwicklung widmen. Vor allem im Kundalini-Yoga ist ein essentieller Bestandteil des spirituellen Weges, die Koshas, also die Energiehüllen von Traumata, zu reinigen. Hadert (2003) beschreibt, dass gerade die Aufarbeitung eines Traumas bestimmte Kräfte freisetzt, wie eine Tür zum transpersonalen Bereich wirken kann.

Denn häufig bleibt nach einem Trauma das Gefühl von Verletzbarkeit und Angst vor der eigenen Endlichkeit, gekoppelt an Fragen an den Sinn des Leids. Dieses erschütternde Lebensgefühl treibt Betroffene oft dazu, sich auf eine spirituelle Suche zu begeben, um Antworten zu finden und sich von dem Leid zu befreien. Die Loslösung vom Körper und vom Ich und somit auch die Lösung des schmerzhaften Traumas führt zu der Erkenntnis, dass unser wahres Selbst unzerstörbar und ewig ist.

Weiterhin kann die Dissoziation durch ein Trauma als Rückzug der Seele aus dem Leib gesehen werden und sogar zu Out-of-Body-Erlebnissen führen. Sehr deutlich wird dies bei Nahtoderfahrungen, bei denen tatsächlich transpersonale Erfahrungen gemacht werden können. Diese tiefgreifenden Erlebnisse können wie ein Katalysator wirken, sich mit dem Sinn des Lebens zu beschäftigen, und können zu neuen spirituellen Erkenntnissen und Lebenseinstellungen führen (Hadert, 2003).

Diese Entwicklung wird mit dem Begriff „posttraumatic growth“ zusammengefasst.

Auf der anderen Seite kann Spiritualität auch als Flucht vor den eigenen Traumatisierungen dienen. Für Traumatisierte kann das Leben in der manifesten Welt durch die Traumafolgen unerträglich erscheinen, weshalb eine Flucht in die geistige Welt naheliegt. Denn indem man sich als spiritueller Sucher identifiziert, sich aus der Welt und aus Beziehungen zurückzieht und z.B. durch stundenlanges Meditieren in transpersonale Bereiche eintaucht, muss man sich nicht mehr mit seinen körperlichen und seelischen Schmerzen befassen (Hadert, 2003).

Hadert (2003) merkt an, dass Traumatisierte vermutlich nicht die vollkommene Ich-Auflösung im transpersonalen Raum erleben können, da sie nicht die Ich-Stärke besitzen, sich dem Erleben ihrer Traumata im personalen Raum zu stellen, sondern diese eher abwehren und abspalten.

Zusammenfassung

Meine Sichtweise

Ich bin der Meinung, dass das Thema Trauma gerade im Yogabereich mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte. Zum einen, weil Yoga eine so wirksame Methode in der Traumaheilung ist. Und zum anderen, weil meine persönliche Erfahrung gezeigt hat, dass die Yogapraxis, da sie so tief und ganzheitlich wirkt, prädispositioniert dafür ist, traumatische Empfindungen und intensive Gefühle hochzuholen.

Ich habe den Eindruck, dass unter den Yogalehrenden das Wissen darüber eher gering ist. Vor allem im Umgang mit schwierigen Körperempfindungen während der Yogapraxis halte ich es für notwendig, als Lehrender für das Thema sensibilisiert zu sein, um angemessen zu reagieren.

Ich hätte mir damals in der Situation, die ich in der Einleitung geschildert habe, gewünscht, dass mir die Yogalehrerin erklärt hätte, dass das zwar erstmal herausfordernd, aber ganz normal ist, dass solche Empfindungen während der Yogapraxis auftreten. Es ist Ausdruck von nicht verarbeiteten überwältigenden Erlebnissen in meinem Körpergedächtnis und die Yogapraxis bietet mir die Möglichkeit, diese Teile neugierig zu erforschen und wertfrei anzunehmen, die Kontrolle über meinen Körper zurückzuerlangen und mich wieder sicher in mir zu fühlen.

Fazit

Menschen mit traumatischen Erlebnissen fühlen sich oftmals verraten von ihrem eigenen Körper, weil er Ort der schrecklichen traumaassoziierten Empfindungen ist. Traumasensibles Yoga kann ein wichtiger Bestandteil im Heilungsprozess von Traumatisierungen sein, weil es als Bottom-up-Ansatz mit dem Körper arbeitet und somit am Ort der Traumatisierung ansetzt. Vor allem bei komplexer PTBS in Kombination mit Gesprächstherapie scheint traumasensibles Yoga wirkungsvoll zu sein. Dabei wirkt es auf geistiger Ebene in Form von der Verbesserung des Zugangs zu den inneren Ressourcen, sowie auf körperlicher Ebene in Form von der Reduzierung der Aktivität des autonomen Nervensystems und der Herzratenvariabilität.

Beim traumasensiblen Yoga ist es wichtig, auf ein sicheres angenehmes Setting zu achten und Faktoren wie Raumgröße, Temperatur, Beleuchtung, Stimme und eine einladende Sprechweise des Anleitenden zu achten.

Ziel ist eine Haltung von wohlwollender Akzeptanz gegenüber allem, was wahrgenommen wird, und gegenüber dem eigenen Körper, sowie eine friedvolle Haltung sich selbst und anderen gegenüber. Es wird versucht, sich von Bewertungen zu lösen und Selbstabwertungen zu reduzieren. Wichtig ist, sich bewusst dazu zu entscheiden achtsam in den Körper hineinzuspüren und dabei das körperliche Gewahrsein auf den Moment zu richten. Schwierige aufkommende Empfindungen versucht man als Chance zur Integration zu sehen. Insgesamt geht es darum, ein Gefühl der Kontrolle über den eigenen Körper und Selbstbestimmung zu erlangen und frei von Leistungsstreben und Perfektion zu praktizieren.

Im traumasensiblen Yoga wird die Interozeption gefördert und es werden Ressourcen aufgebaut, also individuelle Asanas erarbeitet, die wohltuend sind und die Befindlichkeit erhöhen. Ist das erfolgt, werden in der Yogastunde Wahlmöglichkeiten geboten, um die Entscheidungsfreiheit zu stärken. Dies dient als Grundlage, um den Teilnehmenden zu ermöglichen, effektiv für sich und das eigene Wohlergehen zu handeln und somit die Erfahrung von Selbstbestimmung zu machen.

Anschließend kann die Exposition erfolgen, wo es darum geht, in einer Asana, die unangenehme Empfindungen auslöst, zu verweilen oder noch tiefer zu gehen. Ziel ist, dass sich somit ein Gefühl von Kontrolle der Emotionen und Körperempfindungen einstellt.

Zum Schluss lässt sich sagen, dass das Thema Trauma ein wichtiger Aspekt in der spirituellen Entwicklung und auf dem Yogaweg zu sein scheint. Dabei kann die eigene Spiritualität Flucht vor den eigenen Traumatisierungen sein und gleichzeitig können Traumatisierungen auch den Zugang zur transpersonalen Dimension erleichtern. Vor allem im Kundalini-Yoga ist die Reinigung der Koshas von Traumata ein essentieller Bestandteil. Die Aufarbeitung eines Traumas kann Kräfte freisetzen, die die Tür zum transpersonalen Bereich öffnen können.

Literaturverzeichnis

Daberer, F. (2014). Grenzen und Möglichkeiten von Yoga in der Traumatherapie (Diplomarbeit, Psychologie). Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Emerson, D. & Hopper, E. (2021). Trauma-Yoga. Heilung durch Körperarbeit. G.P. Probst.

Hadert, K.-K. (2003). Trauma und Spiritualität. Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, 1, 18–35.

Härle, D. (2017). Traumasensitives Yoga als komplementärer Interventionsansatz zur Behandlung von komplexen Traumafolgestörungen. Trauma – Zeitschrift für Psychotraumatologie und ihre Anwendungen15(03), 80–89.

Karrasch, S., Hitzler, M., Gumpp, A., Karabatsiakis, A. & Kolassa, I. T. (2020). Molekulartoxische Folgen von chronischem und traumatischem Stress und deren Reversibilität durch entspannungs- und achtsamkeitsbasierte Interventionen. Verhaltenstherapie, 30(1), 29–43. https://doi.org/10.1159/000505380

Komplexe posttraumatische Belastungsstörung. (2022, 10. März). In Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Komplexe_posttraumatische_Belastungsstörung

Schulten, A. & Truffer Summhammer, M. (2017). Traumatisierung findet im Körper statt – Traumaheilung auch! [E-Book]. In F. Riffer, E. Kaiser, M. Sprung & L. Streibl (Hrsg.), Die Vielgestaltigkeit der Psychosomatik (S. 199–211). Springer.

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