Yoga als moderne Lebensphilosophie

Alle abgebildeten Abschluss- und Hausarbeiten im Spiritainment sind im Rahmen von Inner Flow Yoga Ausbildungen entstanden. Sie sind weiter geistiges Eigentum der Autor*innen und werden mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.
Inhalt

1. Einleitung

Zu Beginn meines Yoga-Teacher-Trainings verkündete ich die frohe Botschaft meiner Familie, Freund*innen und Kolleg*innen und erntete fast ausschließlich Begeisterung. Diese Begeisterung entsprang meist einer gewissen Ehrfurcht, denn mein Gegenüber hatte meistens die sich verbiegenden Yogis von Zeitschriftencovern vor Augen und lobte meinen „sportlichen Ehrgeiz“. Ich verspürte zu Beginn den Drang, mich zu erklären und versuchte, die passenden Worte zu finden, dass Yoga für mich vielmehr eine moderne Lebensphilosophie als eine Sportart ist.

Ich merkte schnell, dass sich selten jemand bewusst war, welche Techniken im Yoga praktiziert werden und dass es verschiedene Stile fernab kräftiger Vinyasa-Flows gab. Meine Ashram-Aufenthalte im Rahmen der Ausbildung sorgten bereits für Nachfragen, ob die Yoga-Tradition, in der ich ausgebildet werde, eine Sekte sei. Zu groß schien die Unkenntnis darüber, dass es verschiedene traditionelle Arten gibt, Yoga zu praktizieren und dass u. a. Satsang-Besuche, gemeinsames Singen und Atemübungen Teil dieser sind. Es zeigte sich der Glauben an eine gewisse Exklusivität und das Bild, dass Yoga nur den sportlichen oder sehr spirituellen Menschen vorbehalten war. Es fiel mir schwer, mein persönliches Verständnis von Yoga in Worte zu fassen.

Meine Yoga-Reise begann ebenfalls typischerweise im sportlichen Kontext mit dem Ziel, etwas „Gutes“ für meinen Körper tun zu wollen und einen Ausgleich zu meinem Arbeitsalltag zu finden. Meditation oder Atemübungen gab es im Kurs des Fitnessstudios nicht, einen Ashram besuchten meiner Auffassung nach nur sehr Gläubige (was für mich damals Menschen waren, die sich von unserer modernen Lebensweise radikal abwendeten). Die Entwicklung meiner Praxis nahm erst später ihren Lauf. Zwar hatte ich schon immer Interesse an Philosophie, gesundheitsbezogenen Themen und Persönlichkeitsentwicklung, jedoch bekam Yoga für mich erst in einer persönlichen Krisenzeit eine höhere Bedeutung. Dieser Prozess war mehr passiv als aktiv, denn ich suchte nicht nach Heilung im Yoga, doch meine bestehende Yoga-Praxis zeigte mir einen neuen Weg auf und so stand plötzlich die Entdeckung meiner eigenen Spiritualität im Fokus. Ich entwickelte ebenfalls ein stärkeres Empathievermögen, reflektierte viel mehr über den Umgang mit anderen und mir selbst und beschäftigte mich immer intensiver mit gesellschaftlichen Themen wie bspw. Inklusion, Rassismus und Sexismus. Letztlich lässt sich sagen, dass dies eine Auseinandersetzung mit meinen moralischen Werten war und noch immer ist. Glaube, Hingabe und Religion betrachtete ich plötzlich aus einem anderem Blickwinkel.

Ich wollte wissen: Wie wollen wir in dieser Welt leben? Wie kann ich in Verbindung mit meiner Seele und der Welt kommen? Wie kann ich Frieden im Innen und im Außen schaffen? Es zeigt sich gerade in der jetzigen, von Krieg, Hunger und Ausbeutung geprägten Zeit, dass die alten Schriften, wie die Bhagavad Gita oder Patanjalis Achtgliedriger Pfad, bis in die heutige Zeit ihre Gültigkeit besitzen und Antworten liefern können, die die Menschheit so verzweifelt zu suchen scheint. Auf meiner Suche nach einem erfüllten, glücklichen Leben fand ich mich in vielen Punkte der „yogischen Werte“ wieder und empfand sie als wunderbare Orientierung. In mir wuchs das Bedürfnis, dies mit der Welt zu teilen und das Image von Yoga als Sportart oder esoterischen Kult zu korrigieren.

Die zentrale Frage dieser Arbeit lautet somit: Wie kann ein niedrigschwelliger Zugang zu der Essenz des Yoga geschaffen werden, um mehr Menschen eine Orientierung im Leben zu geben?

2. Yoga in seiner Vielfalt

Mit Yoga werden in unserer westlichen Welt häufig Körperübungen (Asanas) assoziiert, die zur Stärkung, Dehnung oder Entspannung eingesetzt werden sollen. Doch geht die eigentliche Bedeutung von Yoga tiefer und über die rein körperliche Erfahrung hinaus.

Die Wortdefinition stammt aus dem Sanskrit und steht für „Joch“, welches zwei Interpretationen zulässt:

  • Einheit: Die Verbindung von Körper und Geist, Einatmung und Ausatmung sowie des „individuellen Selbst mit dem kosmischen Selbst“ (vgl. Badwal 2019, S. 16). Yoga bedeutet somit, dass alles miteinander verbunden ist, sprich eine Einheit darstellt.
  • Beherrschen: Das Ziel ist es, durch Disziplin diesen Einheitszustand zu erlangen. Wir lernen im Yoga, unseren Geist zu beherrschen.(Vgl. Inner Flow Yoga 2022, S. 10 und Badwal 2019, S. 16)

Yoga kann als Zustand, aber auch als eine Praxis verstanden werden, um in Einheit und Harmonie zu leben.

Als über 5000 Jahre alte Tradition entwickelte Yoga als Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Praxis allerhand körperliche und geistige Methoden und Werkzeuge, diesen Zustand von Harmonie und Einheit zu erlangen.

In Deutschland findet Yoga im Jahr 2019 etwa 3,4 Millionen Praktizierende, was ca. 5 % der Bevölkerung entspricht.(Vgl. Yoga-World 2021, https://yogaworld.de/yoga-ist-fuer-alle-oder/) Das Angebot ist sehr vielfältig, von verschiedenen Stilen wie Hatha-, Vinyasa- oder Asthanga-Yoga bis hin zu Angeboten für besondere Bedürfnisse, wie z.B. Rücken- oder Schwangeren-Yoga.

Der Fokus all dieser Stile liegt überwiegend auf der körperlichen Praxis. Die Welt des Yoga ermöglicht es jedoch, auf unterschiedlichste Art und Weise zu praktizieren, weshalb Asana lediglich als ein sehr kleiner Teil des traditionellen Yoga verstanden werden kann.

Das Ziel vieler Konzepte in den Yoga-Traditionen ist oft Erleuchtung, im Sanskrit Samadhi. An dieser Stelle sei gesagt, dass die Definition von Erleuchtung kaum möglich ist. Unterschiedliche Lehren und Strömungen nutzen verschiedene Begriffe (Stiller Geist, Absolute Leere oder allerhöchster Zustand), für denselben Zustand. Für die komplexe Fragestellung, wie in einer Welt in der Kummer, Schmerz und Leid existiert, gleichzeitig Glückseligkeit und Frieden erfahren werden kann, gibt es mindestens genauso komplexe Antworten.

Samadhi ist ein Ziel von Yoga. Samadhi transformiert den Menschen. Samadhi ist nicht einfach nur irgendeine Erfahrung, sondern Samadhi zeigt sich nachher in den Früchten. So wie Jesus gesagt hat: „An euren Früchten werden sie euch erkennen.“ Ein bisschen Wonne zu haben, ist ganz schön, aber Samadhi ist es dann, wenn es anschließend das Denken, das Fühlen, das Handeln beeinflusst.Du bist nicht mehr der gleiche, wenn du Samadhi erreicht hast. Du bist viel mehr du selbst, und du selbst bist Freude, Verbundenheit, Einheit, Liebe.

Vgl. Yoga-Vidya, https://wiki.yoga-vidya.de/Samadhi#Samadhi_im_Patanjali_Yoga_Sutra

Neben all den Erläuterungen zu Samadhi als Zustand der Erleuchtung innerhalb verschiedener Stadien liefert Sukadev hier eine Definition von Samadhi, die es nicht als Zustand, sondern als Verinnerlichung einer Haltung erklärt. Wenn wir eine Brücke schlagen wollen und Yoga zugänglicher machen möchten, ist dies eine hilfreiche Erläuterung. Samadhi wird hier weniger als nicht-greifbare Bewusstseinserfahrung beschrieben und mehr als eine Veränderung, die Yoga mit sich bringt, um aktiv eine Transformation unseres Inneren Seins hinzu Harmonie, Frieden und Glückseligkeit zu erreichen, die genauso nach außen getragen werden kann.

Als Mittel, Yoga zu praktizieren und den Zustand von Yoga bzw. Samadhi zu erreichen, bieten die vier klassischen Hauptwege des Yoga zahlreiche Möglichkeiten körperliche, psychische und spirituelle Ausrichtung zu finden und zu leben.

▪ Jnana Yoga
Im Jnana Yoga steht die Auseinandersetzung mit den alten Schriften im Fokus, weshalb es auch als „Yoga der Weisheit und des Wissens“ bezeichnet wird. Es wird der Frage nachgegangen, welchen tieferen Sinn unser Leben auf Erden hat und wie der Weg zur Erleuchtung bestritten werden kann.(Vgl. Yoga-Vidya, https://wiki.yoga- vidya.de/Yoga#Yoga_ist_das_L.C3.B6sen_der_Verbindung_mit_dem_Schmerz, Wanda S. 23)

▪ Bhakti Yoga
Das Bhakti Yoga, auch Yoga der Liebe und Hingabe genannt, soll unsere Verbindung zu Gott stärken. Als Techniken kommen hier das Singen von Mantren, Rituale, Gebete oder das Erzählen von Geschichten zum Einsatz. Gefühle und Emotionen finden ihren Ausdruck und ebnen den Weg zur Liebe gegenüber allen Lebewesen und schließlich auch zur Befreiung. (Ebd. und Skript S. 29)

▪ Karma Yoga
Karma Yoga, auch Yoga der Handlung genannt, lehrt den selbstlosen Dienst an unseren Mitmenschen, frei von der Erwartung einer Gegenleistung. Alle Handlungen sollen kultiviert werden und der Handlung willens eingesetzt werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten Menschen sehr oft unbewusst Karma Yoga praktizieren, wenn sie einer friedlichen Gesinnung nach einfach selbstlos handeln. (Vgl. Badwal 2019, S. 23f.)

▪ Raja Yoga
Im Raja-Yoga geht es hauptsächlich um den menschlichen Geist. Raja steht für König, denn im Grunde wollen wir im Raja-Yoga unser mentales Königreich beherrschen. Techniken wie Mediation, Visualisierungen und Konzentrationsübungen „sollen dazu führen Innenschau zu praktizieren, die Sinne von äußeren Reizen abzuziehen und so zu erkennen, dass alles Vergnügen, was wir aus äußeren Objekten erlangen vergänglich ist und uns niemals wirklich befriedigt.“ (Vgl. Yoga Vidya, https://wiki.yoga- vidya.de/Yoga#Yoga_ist_das_L.C3.B6sen_der_Verbindung_mit_dem_Schmerz)

Die meisten Menschen sehnen sich nach einem Leben nach Frieden und frei von Trauer, Leid oder Angst vor dem Tod. Die Vergänglichkeit aller Dinge versagt es uns regelmäßig Glück im Außen zu finden. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass sie durch die Erfüllung von Wünschen, sei es beispielsweise das teure Auto oder der normschöne Körper, nicht automatisch glücklicher werden. Schon gar nicht ist es möglich, damit Krankheiten oder dem Tod zu entkommen, was auch den meisten Menschen bewusst ist.

Das Raja-Yoga kehrt all diesen Äußerlichkeiten den Rücken und versucht, Antworten in uns selbst zu finden. Den Weg des Raja-Yoga fasst im Grunde das Yoga-Sutra zusammen. Das Yoga Sutra ist eine etwa 2000 Jahre alte Schrift, die von dem Gelehrten Patanjali niedergeschrieben wurde. Es gilt als Standardwerk des Yoga und dient den Schülern mit seinen 4 Kapiteln und 196 Sutren als Wegweiser. Patanjali beschreibt im Yoga-Sutra das Ashtanga, welches als Yoga- Leitfaden verstanden werden kann und nicht mit dem Ashtanga-Vinyasa-Stil zu verwechseln ist. Im Sanskrit steht „Ashta“ für „Acht“ und „anga“ für Glied, weshalb das Ashtanga auch als „Achtgliedriger Pfad“ oder „Achtstufiger Pfad“ bezeichnet wird. Der Grundgedanke von Patanjali war es, durch mentales Training die Gedankenwellen zur Ruhe zu bringen und somit den Weg frei zum Ziel – zu Samadhi – zu machen. (Vgl. Badwal 2019, S. 20))

Vollständige Losgelöstheit führt zu Samadhi. Samadhi führt zur dauerhaften Erleuchtung/ Selbstverwirklichung. Selbstverwirklichung führt zur Freiheit von Bindungen. Freiheit von Bindungen führt zur ewigen Glückseligkeit.

Kommentar zum Viveka Chudamani Vers 376 von Sukadev Bretz, Yoga Vidya

3. Das Fundament – Die Yamas und Niyamas

Die philosophischen Texte des Yoga liefern unendliche Ansätze um zu Samadhi zu gelangen. Der achtgliedrige Pfad ist ein wunderbares Symbolbild, das auf dem Weg zu Samadhi vor der Asana-Praxis im Yoga als Fundament geschaffen werden muss. Um ein Verständnis von Yoga als moderne Lebensphilosophie zu schaffen, nutze ich daher bewusst den achtgliedrigen Pfad als Konzept. Dadurch, dass alle Schritte durchlaufen werden müssen, veranschaulicht es hervorragend, dass die Asana-Praxis allein nicht zu einem Leben in Glückseligkeit führen kann. Des Weiteren ist der achtgliedrige Pfad und generell Patanjalis Yoga-Sutra frei von Dogmen, die sich auf eine Glaubensrichtung beschränken und es so für jeden zugänglich machen.

„Wir wissen bereits, dass Patanjali immer mit dem wichtigsten beginnt“11

Skuban 2011, S. 115

Die ersten beiden Glieder, die Yamas und Niyamas, zeigen Prinzipien zum Umgang mit unserer Umwelt und mit uns selbst auf. Sie sind klar und universell, weswegen sie von jedem und jederzeit praktiziert werden können. Aus diesem Grund stehen die ersten beiden Glieder im Fokus dieser Arbeit, da sie von der Essenz des Yoga eine Brücke zu jeder Lebensrealität schlagen können und somit als theoretische Grundlage für Yoga als moderne Philosophie hervorragend geeignet sind.

Das erste Glied – die Yamas

Die Yamas sind fünf ethische Prinzipien für unser Verhalten gegenüber anderen und unserer Umwelt, um Harmonie auf allen Ebenen zu schaffen. Den Weg in unser Inneres anzutreten, ohne eine Auseinandersetzung mit dem Außen hindert uns und raubt uns die Klarheit.

  • Ahimsa (Gewaltlosigkeit) bedeutet “Nichtverletzen” und steht ferner für einen liebevollen und respektvollen Umgang mit unserer Umwelt, aber auch mit uns selbst. Ahimsa bezieht sich sowohl auf Gewaltlosigkeit in unseren Taten, als auch in unseren Worten und Gedanken. Es ist sowohl simpel als auch logisch, dass auf der Suche nach Glück das Verursachen von Leid zu vermeiden ist.
  • Satya (Wahrheit) meint das aufrichtige und wahrhaftige Sprechen und Handeln für ein reines Gewissen und der Vermeidung von Leid durch Lügen.
  • Asteya (Nichtstehlen) steht nicht nur für das Nichtstehlen von materiellen Dingen, sondern auch Wert darauf zu legen, frei von Neid oder Missgunst zu sein.
  • Brahmacharya wird oft mit “Enthaltsamkeit” übersetzt, bedeutet im Wortlaut jedoch „Weg zu Brahma“. Häufig wird Brahmacharya als Hingabe interpretiert. Genauso wie Mangel (z.B. an Nahrung) kann auch das Übermaß schädlich sein, daher gilt es seine Energie weise auf das Wesentliche zu lenken und Mäßigung in allen Lebensbereichen anzustreben.
  • Aparigraha (Nichtanhaften) steht für das Loslassen von überflüssigem Besitz. Es wird zusätzlich auch als Unbestechlichkeit interpretiert und fordert, Zufriedenheit zu entwickeln mit dem, was einem natürlich zusteht (Vgl. Badwal 2019, S. 21 und Skuban S. 115 ff.)

Das zweite Glied – die Niyamas

Die Niyamas sind fünf Prinzipien für den Umgang mit sich selbst.

  • Sauca (Reinheit) steht sowohl für die Pflege unseres Körpers, beispielweise durch unsere Ernährung, als auch für die Kultivierung eines reinen Geistes, der frei von unruhigen Gedanken ist.
  • Santosha (Zufriedenheit) steht im engen Zusammenhang mit Aparigraha und meint eine innere Zufriedenheit, die kultiviert werden soll um Aparigraha authentisch leben zu können.
  • Tapas (Disziplin) meint zum einen die Disziplin, auf gesetzte Ziele zu arbeiten, aber auch die negativen Seiten des Lebens anzunehmen, um diese durchstehen zu können.
  • Svadhyaya (Selbststudium) besagt, dass auf dem Weg zu Samadhi persönliche Weiterentwicklung durch die Auseinandersetzung mit spiritueller Literatur wichtig ist.
  • Ishvara Pranidhana – die “Hingabe an das Göttliche”, z.B. durch Praktizieren von Karma-Yoga, soll uns mit der Natur verbinden und uns Vertrauen in ein höheres Selbst stärken (Vgl. Badwal 2019, S. 21 und Skuban S. 123 ff.).

4. Transfer der Yamas und Niyamas

Für die praktische Übertragung der Yamas und Niyamas auf unsere Lebensrealität eignen sich viele Themen zur Veranschaulichung. Vereinfacht gilt zunächst:Was du nicht willst, das dir man tu, das füg’ auch keinem andern zu, lautet eines der grundlegenden Prinzipien der Ethik. Aber mit gleicher Berechtigung kann man sagen: Was du anderen antust, das tust du auch dir selber an.“ (Erich Fromm) So simpel wie Erich Fromm einst sagte, ist es im Grunde auch. Die Yamas und Niyamas predigen keine eingeschränkte Weltansicht, sondern undogmatisch humanistische Prinzipien. Die Yamas helfen uns dabei, unsere Verbindung zur Außenwelt zu verbessern und wir haben gelernt, dass Yoga Verbindung bedeutet. Wenn alles verbunden ist, so fällt unser Umgang mit allen Lebewesen und der Natur auch auf uns zurück, sodass einzig das strikte Befolgen der Yamas hinfällig wird. Deutlich wird dies, wenn beispielweise Asteya und Santhosa gegenübergestellt werden: Wie soll innere Zufriedenheit kultiviert werden, wenn die Menschheit es nicht verlernt, immer höher, weiter und schneller werden zu wollen als die anderen? Wenn wir andere Menschen und ihre Kulturen oder Konzerne, die Natur und ihre Arbeitnehmer ausbeuten. Wenn dies gängige Praxis wird, ist es nur logisch, dass wir Santosha nicht kultivieren können. „So sind die Yamas und Niyamas wie zwei Hände eines Körpers: Sie gehören zusammen“(Skuban 2011, S. 123). Die Yamas und Niyamas sind, sowohl in der Theorie, als auch in der praktischen Anwendung im Leben nicht der Reihenfolge nach zu durchlaufen, sondern stehen (so wie alles) in Verbindung miteinander und werden in der praktischen Anwendung stets im Zusammenhang betrachtet.

Wenn wir Santosha kultivieren und das schätzen, was wir besitzen, wird uns unweigerlich bewusst, dass nichts selbstverständlich ist. Die warme Mahlzeit mit unserer Familie in unserem schönen Zuhause bleibt vielen Menschen auf der Welt verwehrt, das wird uns stärker bewusst. Es ist logisch, dass Ahimsa und Asteya nicht in dieser Situation gelten und innere Zufriedenheit nicht als vollständig empfunden werden kann, wenn wir Mitleid empfinden. Wir können darin einen Aufruf sehen, Veränderung anzustreben. Die empfundene Ungerechtigkeit ist dann Teil von Ishvara Pranidhara. Denn werden wir aktiv und setzen uns gegen Armut, Hunger und Ausbeutung ein, so widmen wir unsere Energie dieser Sache und unser Leben für etwas Größeres. Svadhyaya ist mit allem verbunden, denn dieser Transformationsprozess erfordert Selbstreflexion, die Auseinandersetzung mit seinen eigenen Werten und der Sache selbst. Nach dem Prinzip von Satya sind wir sogar verpflichtet, laut zu werden und unsere Wahrheit zu sprechen.

Organisationen wie Fridays for Future, SeaWatch, Peta haben alle gemeinsam, dass sich Menschen im Grunde für etwas Größeres einsetzen. Nämlich dem Schutz von Natur, Menschen und Tieren. Bezogen auf diese Beispiele können wir die Yamas und Niyamas mit Leben füllen, vor allem Brahmacharya in seiner reinsten Form. Wir können einen bewussteren Umgang mit unserer Natur wählen, hin und wieder auf das Auto verzichten und bewusster konsumieren. Wir können uns politisch stark machen, Menschen auf der Flucht durch kleine Gesten unterstützen, wie etwa bei der Wohnungssuche helfen und ihnen unsere Zeit schenken. Allen Lebewesen, die unsere Erde bewohnen, können wir durch einen veganen Lebensstil ein würdiges Leben ermöglichen, in dem wir uns in Verzicht tierischer Produkte üben.

Betrachten wir den nächsten Schritt im Ashtanga, nämlich die Asana-Praxis, wird deutlich, dass es keiner vollständigen Abkehr unseres jetzigen Verständnisses von Yoga bedarf. Das Praktizieren von Körperübungen wie wir sie kennen ist per se nichts „Falsches“. Eine Hinwendung zur Essenz des Yoga bedeutet nicht, sein Yoga-Studio nicht mehr besuchen zu dürfen, dass schweißtreibende Flows unnötig sind und Asana als wohltuende Praxis aufgegeben werden muss – im Gegenteil. Sie sind genauso ein wichtiger Bestandteil im Ashtanga, nur eben alleinstehend nicht die Bedeutung des Yoga. Viele Yoga-Studios binden bereits Pranayama und Meditation in Ihr Angebot ein und lehren traditionelle Stile. Für eine ganzheitliche Praxis ist es wichtig, die Yamas und Niyamas zu ergänzen und sie zu integrieren, sodass der Weg für die nächsten Schritte zu Samadhi nach Asana geebnet ist.

5. Fazit

Patanjali gibt im Ashtanga keine klaren Anweisungen, wie wir die Yamas und Niyamas konkret leben sollen, was sie auch zeitlos macht. Sie können als eine Aufforderung verstanden werden, unser modernes Leben nach ihnen auszurichten. Im Grunde brauchen wir jedoch keine Perfektion anstreben und Fehler sind menschlich. Viel wichtiger ist ein gesundes Fundament und dass wir Orientierung durch unsere inneren Werte auf unserem Lebensweg finden. Patanjali selbst sagt: „Denke daran, die Yoga-Praxis ist wie ein Hindernisrennen (…) Die Hindernisse sind da, damit wir uns selbst begreifen und unsere Möglichkeiten zum Ausdruck zu bringen.“ (Skuban 2011, S. 62)

An unserem ersten Tag im Yoga-Teacher-Training sollten wir aufschreiben, wie wir Yoga definieren würden. Ich notierte mir damals drei Stichpunkte:

Yoga bedeutet für mich körperliche, geistige und spirituelle Ausrichtung.

Mein zweiter Stichpunkt benannte Yoga für mich als einen Koffer mit Tools, um diese Ausrichtung erlangen zu können. Für persönliches Wachstum und die Kultivierung eines glücklichen Lebens in Harmonie mit der Umwelt, bietet Yoga eine unzählige Auswahl an Methoden auf der ganzen Welt.

Der dritte Stichpunkt meiner Definition von Yoga lautete „Ganzheitlichkeit zu Frieden und Menschlichkeit“. Ich wünsche allen, die nach Ausrichtung im Leben suchen, dass Yoga sie dabei unterstützt und allen Yoga-Lehrenden, dass sie ihren Schülern dies ermöglichen und sie bei ihrer persönlichen, spirituellen Reise begleiten. Mögen Sie auf ihrer Reise Frieden im Innen und Außen erfahren.

True yoga is not about the shape of your body, but the shape of your life. Yoga is not to be performed; yoga is to be lived. Yoga doesn’t care about what you have been; yoga cares about the person you are becoming.
Yoga is designed for a vast and profound purpose, and for it to be truly called yoga, its essence must be embodied.

Deutsche Übersetzung: Im wahrem Yoga geht es nicht um die Form deines Körpers, sondern um die Form deines Lebens. Yoga soll nicht dargeboten werden; Yoga soll gelebt werden. Yoga kümmert sich nicht darum, wer du gewesen bist; Yoga kümmert sich um die Person, die du wirst. Yoga ist für einen großen und tiefgründigen Zweck konzipiert, und damit es wirklich Yoga genannt werden kann, muss seine Essenz verkörpert werden.

Aadil Palkhivala

6. Quellenverzeichnis

Bücher

Badwal, W anda (2019) „Yoga – Die 108 wichtigsten Übungen und ihre ganzheitliche Wirkung“, Knaur Verlag

Inner Flow Yoga, Handbuch zum Yoga-Teacher-Training 2022

Skuban, Ralph (2011) „Patanjalis Yogasutra – Der Königsweg zu einem weisen Leben“ , Arkana Verlag, 7. Auflage

Internet

Yoga-World 2021, https://yogaworld.de/yoga-ist-fuer-alle-oder/, Zuletzt aufgerufen am 25.09.2022, 17.58 Uhr

Yoga-Vidya, 1 https://wiki.yoga- vidya.de/Yoga#Yoga_ist_das_L.C3.B6sen_der_Verbindung_mit_dem_Schmerz , Zuletzt aufgerufen am 25.09.2022, 17.54 Uhr

Yoga-Vidya, 1 https://wiki.yoga- vidya.de/Samadhi#Samadhi_im_Patanjali_Yoga_Sutra , Zuletzt aufgerufen am 25.09.2022, 17.55 Uhr

Yoga-Vidya, 1 https://wiki.yoga-vidya.de/Samadhi, Zuletzt aufgerufen am 25.09.2022, 17.55 Uhr

Foto von Kind and Curious auf Unsplash

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