Yoga in der Pubertät

Autor*in:Sara Hauser
Kommentar:Alle abgebildeten Abschluss- und Hausarbeiten im Spiritainment sind, wie auch diese, im Rahmen von Inner Flow Ausbildungen entstanden. Sie sind weiter geistiges Eigentum der Autor*innen und werden mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.

Die Aufgabe der Umgebung ist es nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.

Maria Montessori

Die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen ist sicher eine spannende und aufregende Zeit, sowohl für die Pubertierenden, als auch für die Menschen, die sie in dieser Zeit begleiten. Der Übergang von der Kindheit in das Erwachsenenalter ist oftmals mit großen körperlichen und geistigen Veränderungen verbunden, die von allen Seiten neu akzeptiert werden müssen. 

Die Aufgabe in der Wachstumsbegleitung kann u.a. sein, den Pubertierenden einen sicheren Raum zur Entfaltung zu geben. Gerade in einer Zeit, in der Kinder und Jugendlichen oftmals dem Druck der Schule standhalten müssen und Ängste entwickelt werden, ist es hilfreich, den Heranwachsenden Sicherheit zu vermitteln und ihnen zu helfen ihr inneres und äußeres Gleichgewicht herzustellen. 

In dieser Ausarbeitung werden zunächst die psychischen und physischen Veränderungen in der Pubertät erläutert, die Bedeutung von Yoga erklärt und schließlich die Wirkung von Yogapraxis als mögliche Begleitung in dieser Lebensphase hinterfragt und beleuchtet. Der letzte Teil der Arbeit besteht aus Ideen zur praktischen Umsetzung, wobei der Schwerpunkt bei Asanas, den Körperhaltungen, liegt.

1. Die Pubertät

Laut Wikipedia versteht man unter Pubertät:“…den Teil der Adoleszenz, in welchem der entwicklungsphysiologische Verlauf der Geschlechtsreifung, die Geschlechtsreife im Sinne von Fortpflanzungsfähigkeit, unter anderem durch funktionsfähige Fortpflanzungsorgane, erreicht und im weiteren Verlauf auch durch Wachstum und Körperformveränderungen auch zu einem ausgewachsenem Körper.“ 

Bei Mädchen beginnt dieser Lebensabschnitt, wenn die Hirnanhangdrüse dem Körper das Signal sendet, das Geschlechtshormon Östrogen herzustellen und in das Blut auszuschütten. Die weibliche Pubertät wird in der Regel zwischen dem 10. und dem 18. Lebensjahr durchlaufen. Die Vorpubertät beginnt bereits ab dem neunten Lebensjahr. Dabei entstehen Veränderungen sowohl auf physischer, als auch auf psychischer Ebene.

Bei Jungen setzt die Pubertät im Vergleich zu Mädchen ein wenig später ein. Während sie in der Vorpubertät zwischen dem 10. und 13. Lebensjahr meist noch verspielt sind und gerne herum toben, steigt das Sexualhormon Testosteron sprunghaft im Körper an und gibt damit den Startschuss für die notwendigen Veränderungen. Zwischen dem 13. und 17. Lebensjahr befinden sich Jungen dann komplett in der Pubertät.

1.1. Physische Veränderungen

Die Wachstumsgeschwindigkeit steigt im Alter zwischen 10 und 14 Jahren von 6 auf 9 cm pro Jahr. Der Körperfettanteil bei Mädchen steigt, es kommt zu Fetteinlagerungen an Bauch, Po, Hüften und Oberschenkel. Körpergröße und Gewicht nehmen bei Mädchen während der Pubertät zu. Der Körper beginnt weiblichere Formen anzunehmen. Bei ca. 17 % Körperfettanteil setzt in der Regel die Menstruation ein. Unter dem Einfluss der ansteigenden Östrogenproduktion und -ausschüttung startet das allgemeine Wachstum der Milchdrüsen. Die Brust entwickelt sich oft bereits ab einem Alter von acht oder neun Jahren. Das  Brustgewebe wölbt sich und nach und nach finden das Wachstum und die Pigmentierung der Brustwarzen statt. Eine vollständig ausgewachsene Brust wird erst am Ende der Pubertät erreicht.

Androgene (Sexualhormone) regen das Längenwachstum und das Ausbilden der Schamhaare an, später auch das Auftreten der Achselbehaarung und weiterer Körperbehaarung.

Durch die vermehrte Produktion von Testosteron beginnt die körperliche Veränderung der Jungen. Körperbehaarung, Penis und Hoden fangen an zu wachsen und der Stimmbruch setzt ein. Zum ersten Mal werden Spermien produziert. Auch die Stimmbänder fangen an zu wachsen und der Stimmbruch setzt ein. Der männliche Körper wächst und wird muskulöser.

Das Gewicht des Herzens verdoppelt sich und das Herzkreislaufsystem der Teenager wird deutlich leistungsfähiger. Aufgrund  der vermehrten Talgproduktion können sich bei beiden Geschlechtern Pickel und Mitesser bilden.    Verantwortlich für diese Veränderungen sind u.a. verschiedene Hormone. Das müde machende Melatonin wird in der Pubertät circa 2 Stunden zeitverzögert zum Erwachsenen produziert, wodurch Pubertierende im Vergleich zu Erwachsenen im Laufe des Tages erst später ermüden. Da sich das Melatonin auch zeitverzögert abbaut, kommt es morgens zu größerer Müdigkeit und dadurch zu Schwierigkeiten beim morgendlichen forcierten Aufwachen.

1.2 Psychische Veränderungen

Nach Prof. Dr. Gerald Hüther kommt es während der Pubertät zu tiefgreifenden Reorganisationsprozessen der bis dahin bereits im Gehirn angelegten neuronalen Verschaltungen. Die Heranwachsenden nehmen die Veränderungen am eigenen Körper wahr, welche jedoch nicht zum bisherigen Selbstbild passen. Dadurch sind Heranwachsenden gezwungen, sich auf eine neue Art und Weise mit sich selbst, mit ihrem Geschlecht und ihrer zukünftigen Rolle als Frau, bzw. Mann, zu identifizieren.

Im Gehirn muss nun vieles neu sortiert, umorganisiert und neu strukturiert werden. Das bisherige Selbstbild muss neu konzipiert werden. Das ist für viele Mädchen und Jungen oft nicht leicht!

Jungen wie Mädchen beginnen in dieser Zeit sich langsam zurückzuziehen, verbringen oft Zeit alleine in ihrem Rückzugsort, z.B. dem eigenen Zimmer und gleichaltrige Bezugspersonen werden wichtiger als die Eltern. Durch das erhöhte Testosteron kann es bei Jungen zu erhöhter Konfliktbereitschaft kommen. Nun wächst auch die Neugier auf das andere Geschlecht, was sich bei Jungen zunächst durch vordergründige Ablehnung und Imponiergehabe äußert.

Die Pubertät ist also nicht nur vom körperlichen Reifungsprozess gekennzeichnet – sie umfasst auch die psychische Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Pubertierende beginnen sich von ihren Eltern zu lösen und machen sich auf die Suche nach ihrer eigenen Identität. Trotz der gewünschten Ablösung vom Elternhaus suchen sie dennoch Halt und Unterstützung.

Des Weiteren wird in der Pubertät Adrenalin im Überfluss produziert. Teenager tendieren daher dazu manchmal überdreht zu sein, sich nicht immer unter Kontrolle zu haben und unterliegen ständigen Stimmungsschwankungen. Auf der Suche nach ihrer neuen Identität können Unsicherheit und Ängste auftreten, was zu einem mangelnden Selbstwertgefühl führen kann.

2. Yoga und seine Wirkung 

Yogas Chitta Vritti Nirodaha – Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist.

Patanjalis Yogasutra 1.2

Yoga kann den Jugendlichen einen sicheren Raum bieten und bei der Loslösung vom Elternhaus helfen. Im Unterricht werden Werte wie Gewaltlosigkeit, Respekt und Toleranz vermittelt. Die Yoginis erleben, dass es hier kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, keine Wertung. Sie werden in ihrer Ganzheit betrachtet – mit Rücksicht auf Körper, Geist, Gefühle und Sinne. Es steht also nicht nur der Körper im Fokus, sondern die ganzheitliche Wirkung von Yoga auf die Übende. 

Der Gewaltlosigkeit (Sanskrit: Ahimsa) kommt im Yoga eine entscheidende Rolle zu. Ahimsa ist eine der 5 Yamas, also eines der ethischen Prinzipien des Yogas. 

Nach Patanjalis Yogasutra besteht der Weg eines Yogis aus acht Stufen. Dieser achtgliedrige Pfad nach Patanjali wird als Ashtanga bezeichnet und kann unterschiedlich betrachtet werden: entweder als Stufen oder als parallele Glieder. Somit kann man also stufenweise die einzelnen Punkte durchgehen bis man die letzte Ebene erreicht hat. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sieben Glieder parallel zu praktizieren, bis das achte Glied erreicht ist. 

Die ersten fünf Glieder werden auch als Kriya Yoga (praktischer Yoga) bezeichnet und die letzteren drei als Raja Yoga (königlicher Yoga).

Die acht Stufen des Yogas nach Patanjali sind:

  1. Yamas: Regeln für das Verhalten im persönlichen Umfeld und zur Umwelt. Es sind Regeln, die im Umgang miteinander notwendig sind. Eines dieser Yamas ist eben „ahimsa“, die Gewaltlosigkeit gegenüber sich selbst und allen Wesen. Yama besteht aus fünf Unterpunkten, deren Erarbeitung alleine schon sehr intensiv ist.
  2. Niyama: Regeln für den Umgang mit sich selbst. Es sind, wie auch Yama, fünf geistige Regeln, bei denen es um die Auseinandersetzung mit sich selbst geht: eine Selbstreflektion – ein Zwiegespräch mit sich selbst. Die Art und Weise wie wir mit uns selbst umgehen ist ausschlaggebend für unsere Entwicklung.
  3. Asana: die Körperhaltung. Das dritte Glied ist die Praxis der Körperübungen. Asanas werden häufig allgemein als Yoga bezeichnet und ist die Stufe, die in Europa am bekanntesten ist und die meisten Menschen mit Yoga verbinden. Jedoch sind in einer Asana Körper, Geist und Atem im Einklang. 
  4. Pranayama: die Energiekontrolle, die Kunst der Atemübungen. Über den Atem haben wir Zugang zur Lebensenergie (Prana). Pranayama ist die bewusste Verbindung von Atem und Geist durch neutrale Beobachtung. Zielsetzung ist, möglichst viel Prana in den Körper zu leiten, um den Geist vom Irdischen zu lösen. Die stetige Praxis von Pranayama verringert Blockaden im Geist, die uns an einer klaren Wahrnehmung hindern. Patanjali, Yogasutra 2.52
  5. Pratyahara: das Zurückziehen der Sinne durch das Lenken der Aufmerksamkeit nach innen. Durch das Zurückziehen der Sinne reagiert der Geist nicht mehr auf äußere Reize, wird also nicht mehr von außen genährt. Gerade Heranwachsende sind heutzutage sehr extern orientiert, was ein nach innen Schauen erschwert und für eine gesunde Entwicklung jedoch notwendig ist.
  6. Dharana: die Konzentration. Schrittweise lernen wir den Geist auf einen Punkt auszurichten. Es heißt so viel wie „halten“. Wenn wir eine Aktivität unseres Geistes immer mehr verstärken, desto mehr verschwinden die anderen Aktivitäten des Geistes. Es ist eine bewusste Verbundenheit mit einem Betrachtungsgegenstand. 
  7. Dhyana: die Meditation. Die Versenkung in den Fluss der Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt. Diese siebte Stufe lehrt, das Denken gänzlich zum Erliegen zu bringen. Es ist die Disziplin der wahren Meditation. Die Aktivitäten des Geistes kommen gänzlich zur Ruhe.
  8. Samadhi: die Verschmelzung / meditative Gipfelerfahrung. Die Überwindung des Alltagsdaseins hinein in eine neue Dimension. Es ist die Versenkung, in der keine individuelle Identität mehr vorhanden ist. Ein Gefühl der Einheit mit allem entsteht. 

Diese acht Aspekte in der Yogapraxis mit Jugendlichen ist zwar wünschenswert, jedoch häufig in der konkreten Umsetzung schwierig. Ein möglicher Weg Teenager für Yoga zu begeistern, ist vermutlich über die dritte Stufe, den Asanas, und baut dann darauf auf. Die ersten 5 Stufen, der praktische Yoga, sind für den Einstieg gut zu üben und darauffolgend die drei weiteren Stufen. 

2.1 Physiologische Wirkungen

Yoga kann helfen einen bewussten Umgang mit dem Körper zu erlernen und Körpergefühl, Haltung und Anmut zu entwickeln. Vor allem die Entwicklung des Körpergefühls kann Jugendlichen in dieser Phase der körperlichen Veränderung helfen, ihr neues Ich zu spüren und anzunehmen. 

Durch das Üben von Asanas nehmen sowohl die Kraft, als auch die Beweglichkeit zu. Mögliche Haltungsschäden, Rücken- und auch Kopfschmerzen wird vorgebeugt oder werden gegebenenfalls behoben. Auch das Körpergewicht wird reguliert und die Immunabwehr verbessert.

Durch Atem- und Entspannungsübungen  können mögliche Anspannungen abfallen, Blockaden können sich lösen. Dies kann wiederum einen guten und erholsamen Schlaf und eine verbesserten Konzentrationsfähigkeit hervorrufen. 

2.2. Psychische Wirkung

Das nach innen Lenken der Achtsamkeit und das Ausrichten der Aufmerksamkeit auf einen Punkt fördert die Konzentration. Durch die verbesserte Konzentrationsfähigkeit ist eine leichtere Lernsituation in der Schule möglich. Das (Er-)Leben der ethischen Prinzipien (Yama und Niyama) des Yogas und das Üben der Asanas führen zu einer Erhöhung des Selbstwertgefühls. Die innere Unruhe, die die Reorganisation des Gehirns mit sich bringt, bekommt eine Chance sich in Ruhe umzuwandeln. 

Das Üben von Pramayama kann zu einer klaren Wahrnehmung des Geistes verhelfen. Ängste und Unsicherheit können eingegrenzt werden. Der Geist bekommt also die Gelegenheit, in dieser aufreibenden Zeit der Pubertät ein wenig zur Ruhe zu kommen.

2.3 Praktische Umsetzungen

Nach R. Sriram (vgl. SRIRAM 2015, S. 177) sollte die Gruppengröße bestenfalls aus sechs bis acht Kindern / Jugendlichen bestehen, um eine gute Unterrichtsqualität zu gewährleisten. Auch auf die Staffelung bezüglich des Alters ist zu beachten. Die Zusammensetzung der Gruppe ist laut Sriram (vgl. SRIRAM 2015, S. 172) eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg des Übens. Er empfiehlt eine Einteilung wie folgt: das kleine Kind (fünf bis sieben Jahre), das Schulkind (acht bis elf Jahre), der Jugendliche von zwölf bis sechzehn Jahre und der ältere Jugendliche ab 17 Jahre. Ist eine Gruppe zu heterogen, so wird der Unterricht schnell unruhig. Die Yogastunde für Jugendliche kann ganz ähnlich aufgebaut werden, wie die für Erwachsene. Allerdings dürfen spielerische Elemente und auch Zeit für Gespräche nicht fehlen. Während im Kindesalter gemischte Gruppen durchaus denkbar sind, so halte ich die Trennung nach Geschlechter in der Pubertät für sinnvoll, um den Heranwachsenden auch hier einen für sie sicheren Raum – auch für Gespräche – zu bieten. Folgende klassische Yoga Übungen, die man mit Jugendlichen gut unterrichten kann sind:

  • Anfangsentspannung: diese wird mit Jugendlichen relativ kurz gehalten
  • Atemübungen(Pranayama): auch Atemübungen nehmen zunächst auch weniger Raum ein, als im Erwachsenenyoga
  • Sonnengruß oder andere Übungen zum Aufwärmen
  • Asanas, die Yoga Stellungen: nehmen den größten Platz in der Stunde ein 
  • Tiefenentspannung und Meditation: oft ist es gut, die Tiefenentspannung mit einer Phantasiereise anzureichern

3.3.1. Anfangsentspannung             

Nach einer Anfangsentspannung (zum Beispiel einer Körperwahrnehmungsübung) darf sich jeder Übende reihum eine Frage an alle überlegen und natürlich selbst Stellung beziehen. Durch das Werfen eines Balls in die Runde wird das Gespräch eröffnet. Wer den Ball fängt, hat Redezeit. Die unterschiedlichsten Themen dürfen in diesen Minuten zur Sprache kommen: egal ob es Themen sind wie Schule, Lehrer, Zeugnisse, Eltern, oder aber auch Atomkraft oder die Anschaffung einer Spielkonsole. Jeder kann frei sprechen, ohne Druck oder Angst, etwas Falsches zu sagen.

3.3.2 Pranayama                                                                                             

Jugendliche können prinzipiell alle Atemübungen praktizieren, die auch Erwachsene üben. Die einfachste Atemübung im Yoga ist die Bauchatmung. Ungeübte können diese dadurch üben, indem sie im Liegen eine Hand sanft auf den Bauch legen und die Bewegungen des Bauches somit spüren. Die tiefe Bauchatmung hilft bei der Entspannung, führt zu Ruhe und größerer Bewusstheit. Das Entstehen eines besseren Bauchgefühls kann auch bessere Essgewohnheiten begünstigen.

Auch die Wechselatmung, Anuloma Viloma, ist hier gut geeignet. Bei regelmäßigem Üben der Wechselatmung steigen die Konzentrationsfähigkeit, die Selbstbeherrschung und das Energielevel. Somit ist die Vorbereitung vor Klassenarbeiten und Prüfungen durch dieses Pranayama denkbar.

3.3.3. Aufwärmen / Sonnengruß

Zum Aufwärmen eignet sich der Sonnengruß (Surya Namaskar), der, je nach körperlichem Zustand des Übenden, ggf. modifiziert, bzw. erleichtert werden kann. Auch dynamische Übungen und kleine Spiele sind denkbar. Wie zum Beispiel eine Übung zur Intention und Ausrichtung des Körpers: Die Übenden stellen sich paarweise hintereinander. Der Vordermann versucht, sich in Gedanken ganz schwer zu machen. Die Jugendlichen suchen sich imaginäre Bilder wie „ein Sack Zement“ oder ein „Elefant“. Dann versucht die hinten stehende Person, ihren Partner an den Hüften hochzuheben. In der nächsten Runde machen sich die Jugendlichen „leicht wie eine Feder“ oder „wie eine Wolke“. Dann wird getauscht. Die Jugendlichen erfahren, dass sie mit ihrer Vorstellungskraft ihren Körper beeinflussen können. Dass, wenn sie sich eine Sache fest vorstellen, diese auch gelingt. Anschließend ist das Besprechen sinnvoll, wie diese Erfahrung mit in den Alltag genommen werden kann und wann solche positiven Vorsätze von Nutzen sein können, zum Beispiel vor einer Klassenarbeit oder abends vor dem Zubettgehen.

Mit Überkreuz-Übungen lässt sich die Zusammenarbeit der beiden Gehirnhälften verbessern und die Konzentrationsfähigkeit steigern. Das Lernen gelingt nämlich nur dann gut, wenn die rechte und die linke Gehirnhälfte gut zusammenarbeiten. Eine sehr spaßige Übung nennt sich „Kniechen-Näschen-Öhrchen“, wurde bereits 1933 in einem „Dick & Doof“-Film gezeigt und später in Kindersendungen wieder aufgegriffen. Man sitzt dabei im Schneidersitz und klatscht zweimal mit den Händen auf die Oberschenkel. Dann wird die rechte Hand zum linken Ohrläppchen geführt und die linke Hand zur Nasenspitze. Jetzt klatscht man wieder zweimal auf die Oberschenkel und führt die linke Hand zum rechten Ohrläppchen und die rechte Hand zur Nasenspitze.

2.3.4 Asanas

Den größten Teil einer Yogastunde mit Jugendlichen nehmen Asanas ein. Eine mögliche Auswahl an Asanas ist das Üben der Yoga Vidya Grundreihe mit ihren 12 Asanas und den passenden Variationen:

  • Kopfstand (Shirshasana)

Der Kopfstand erhöht die Gehirnfunktion und die geistige Klarheit. Er entwickelt  Gleichgewicht, Konzentration, Mut und Selbstvertrauen. Während manche Teenager mit Freude Kopfstand üben, sollten jedoch auch Variationen wie der Delfin (Makarasana) angeboten werden. 

  • Schulterstand (Sarvangasana)

Der Schulterstand ist eine gute Übung um die Wirbelsäule flexibel zu halten, vor allem im Halswirbelbereich. Er reguliert die Funktion der Schilddrüse und unterstützt den Metabolismus. Der Schulterstand verhilft zu mehr Gelassenheit und Ruhe.

  • Pflug (Halasana)

Der Pflug wirkt harmonisierend, ausgleichend und hilft, zur inneren Mitte zu kommen. Physisch wird auch hier die Flexibilität der Wirbelsäule geschult und die Bauchorgane werden sanft massiert.

  • Fisch (Matsyasana)

Diese herzöffnende Übung entwickelt Stärke im Rücken und hilft eine aufrechte Haltung einzunehmen. Energetisch wirkt der Fisch aktivierend und erhöht die Lebenskraft.

  • Sitzende Vorwärtsbeuge (Paschimottanasana)

Diese Haltung entwickelt Geduld, Hingabe und die Fähigkeit loszulassen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Vorwärtsbeuge wichtig für eine gute Verdauung und die Fähigkeit ruhig zu bleiben. Sie entwickelt Flexibilität der unteren Extremitäten und regt Bauchorgane wie Niere, Leber und Bauchspeicheldrüse an.

  • Kobra (Bhujangasana) 

Die Kobra stärkt die Rückenmuskulatur, löst Spannungen (auch emotionale Spannungen) und verhilft zu einer aufgerichteten Körperhaltung. Energetisch aktiviert und energetisiert diese Haltung.

  • Heuschrecke (Shalabanasana)

Die Asana ist auch für Jugendliche eine herausfordernde Haltung. Sie stärkt die Rücken- und Gesäßmuskulatur. Der Druck auf den Bauch reguliert die Darmfunktion. Wirkt sehr stark aktivierend und entwickelt Selbstbewusstsein, Willenskraft und Durchsetzungsvermögen.

  • Bogen (Dhanurasana)

Auch hierbei wird der Rücken gestärkt und die Bauchorgane werden massiert. Während Kindern diese Haltung oft leicht fällt, kann sie für Jugendliche bereits eine Herausforderung sein. Der Bogen entwickelt Selbstvertrauen und aktiviert das Sonnengeflecht.

  • Drehsitz (Ardha Matsyendrasana)

Hierbei verbessern sich die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis. Diese Haltung verhilft zu einem inneren Gleichgewicht, aktiviert das Sonnengeflecht und öffnet die feinstoffliche Wirbelsäule, die Shushumna. Physisch dehnt es die Rumpfmuskulatur und die Bauchorgane werden massiert.

  • Krähe oder Pfau (Kakasana, Mayurasana)

Diese Asana stärkt die Armmuskeln, hält die Handgelenke flexibel und fordert das Gleichgewicht und Körperbewusstsein. Sie verhilft zu Selbstbewusstsein, Mut, Konzentration und Willenskraft.

  • Stehende Vorwärtsbeuge (Pada Hastasana)

Diese Haltung dehnt die komplette rückwärtige Beinmuskulatur und den geraden Rückenstrecker. Sie wirkt belebend und energetisierend und entwickelt Demut und Hingabe.

  • Dreieck (Trikonasana)

Hierbei werden die seitlichen Rumpfmuskeln gedehnt, Rückenschmerzen kann vorgebeugt werden. Das Üben des Dreicks hilft den Gedärmen besser zu arbeiten und regt den Appetit an. Die Übung wird harmonisierend und hilft, die Welt aus einem neuen Blickwinkel zu sehen, sich für Neues zu öffnen.

2.3.5 Tiefentspannung und Meditation

Grundsätzlich eignen sich für Jugendliche alle Arten von Meditation, mit denen Erwachsene üben. Zur Tiefenentspannung eignen sich gut angeleitete Phantasiereisen, wobei bei Jugendlichen auf eine Kindersprache aus dem Kinderyoga verzichtet werden sollte. Auch auf eine Anpassung des Leiters auf die Sprache der Jugendlichen kann verzichtet werden. Geeignet sind auch Entspannungsverfahren, wie Autogenes Training und die Progressive Muskelrelaxation (PMR). Für die Meditation können Achtsamkeits-meditation oder Mantra – Meditation angewandt werden. Bei der Achtsamkeitsmeditation lädt man beispielsweise die Übenden dazu ein, sich selbst und die Umwelt achtsam und wertfrei zu betrachten und zu beobachten. Durch Anleitung werden Umgebungsgeräusche und Gerüche wahrgenommen, die Luft oder die Kleidung auf der Haut. Auch das Erspüren von Berührungspunkten mit der Unterlage (Boden oder Stuhl) eignen sich dafür. So auch das Fühlen des Atems, die Temperaturunterschiede in den Nasengängen, die Bewegung des Bauches beim Ein- und Ausatmen. Die einfache Mantra – Meditation verbindet die Achtsamkeitsmeditation mit der Wiederholung eines Mantras, wie zum Beispiel OM.

3. Zusammenfassung 

Um Heranwachsende in ihrer Entwicklung zum Erwachsenwerden bestmöglich zu unterstützen, kann Yoga psychisch und physisch ein guter und gesunder Weg sein. Durch Yoga wird nicht nur Einfluss auf die körperlichen Veränderungen genommen, die Körperwahrnehmung geschult und durch Schulung von Kraft und Flexibilität möglichen Haltungsschäden vorgebeugt. Auch der Einfluss auf die psychische Gesundheit gilt es zu betrachten. Interessant ist an Yoga der ganzheitliche Aspekt von Gesundheitserziehung. Regelmäßig praktiziert kann Yoga für psychische Stabilität in der Phase der Neuorientierung und Neufindung dienen. Dabei denke ich, dass die in Punkt 3 genannten Wirkungen nicht nur pauschal anzusehen sind. Viel mehr wirkt Yoga auf jedes Individuum so, wie es für den Übenden das Beste ist. Es wird genau die Wirkung entfaltet, die der Übende braucht. Ist bei einem Jugendlichen zum Beispiel Aggression und Gewalt ein Thema, so wird seine größte Entfaltung, bzw. Wirkung in diesem Bereich liegen, während ein anderer durch das Praktizieren von Yoga vielleicht eher ein komplett anderes Thema wie das Entwickeln von Selbstbewusstsein im Fokus hat.            

Schlussfolgernd betrachtet stellt Yoga einen tollen Weg dar, um dem Leben gesund und aufgerichtet entgegenzutreten. Es wird ein Zugang über die körperliche Arbeit ermöglicht, Achtsamkeit und Wahrnehmung geschult und Grundregeln im Leben mit sich und anderen erarbeiten und er- bzw. gelebt. Eine mögliche Schwierigkeit, die ich beim Üben mit Jugendlichen sehe, ist das Entfachen der Motivation und der Lust am Yoga. Werden Kinder bereits mit den positiven Wirkungen des Yoga konfrontiert, so folgen sie diesem Weg, der ihnen gut tut, wenngleich Kinder die konkrete Wirkung nicht genau verbalisieren können. Spüren auch Jugendliche diese positiven Effekte, sind sie sicherlich mit Leidenschaft dabei. Allerdings ist die Aufgabe, sie überhaupt zu diesem Wohlgefühl zu bringen. Aus der Sicht der Heranwachsenden ist Yoga oft eine Aktivität für Ältere und einem Fitnesstraining gleichgesetzt. Es Bedarf viel Empathie und Fingerspitzengefühl von Seitens des Lehrers, ihnen den wunderbare Weg des Yogas zu vermitteln. Ein wünschenswertes Ziel ist sicherlich die Einführung von Yogastunden in der Schule, zumal die positiven Wirkungen von Meditation und gesunder Bewegung bereits seit langer Zeit bekannt sind. Yoga – Unterricht in der Schule, am besten bereits ab der Grundschule, um zukünftig ein friedliches und gewaltloses Miteinander bereits im Kindesalter zu ermöglichen und Jugendliche bestmöglich in ihrem Wachstum zu begleiten.

Quellenangabe

SIRIAM, R.; BECKER-OBERENDER, Kornelia: Yoga für Kinder und Jugendliche; Vianova – Verlag, 2015

SKUBAN, Ralph: Patanjalis Yogasutra; Arkana Verlag, 4. Auflage 

Yoga Vidya: Das größte Hatha Yoga Buch, Yoga Vidya Verlag, 2. Auflage der deutschen Originalversion 2017

www.lernwelt.at, Interview mit Prof. Dr. Gerald Hüther, 08.01.2009

www.yoga-aktuell.de

www.yoga-vidya.de

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