Yoga – Atmung – Stimme

Autor*in:Julia Werth, 13.08.2020 IFY Teacher Training Halle (Saale) 19/20
Kommentar:Alle abgebildeten Abschluss- und Hausarbeiten im Spiritainment sind, wie auch diese, im Rahmen von Inner Flow Yoga Ausbildungen entstanden. Sie sind weiter geistiges Eigentum der Autor*innen und werden mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.

How Yoga makes you find your true voice

Exposé

In diesem Essay erkläre ich dir, dass und warum deine Yogapraxis sich auf den Klang deiner Stimme auswirken kann. Ich beschreibe die Wechselwirkungen von Körper, Atem und Stimme und wende diese konkret am Beispiel des Hatha-Yoga an. Dass Yoga und Atmung viel miteinander zu tun haben, weißt du ja, aber was genau macht das mit deiner Stimme? Hier erfährst du es!

Einleitung

Als Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin und Sprechwissenschaftlerin kann ich gar nicht anders, als mich beim Yoga nicht nur über die tollen körperlichen und seelischen Effekte zu freuen sondern auch über die positiven Auswirkungen auf die Stimme, die die Yogapraxis mit sich bringen kann.

In diesem Essay fasse ich die Wechselwirkungen von Körper, Atem und Stimme kurz zusammen und wende diese konkret am Beispiel des Yogas an. Anhand dieser Erkenntnisse wird sich dein Blick auf deine Yogapraxis womöglich verändern und du wirst Spannungszustände und deine Atmung beim Yoga von nun an vielleicht anders wahrnehmen. Ich wünsche es dir, denn ein Stimmtraining kann ich wirklich jedem nur empfehlen. Ja, dein Yoga kann zu deinem ganz persönlichen Stimmtraining werden. Warum und wie, erkläre ich dir hier.

Dabei gehe ich auf den Zusammenhang von Yoga und Atmung erst aus yogischer und dann aus physiologisch-anatomischer Sicht ein. Danach beschreibe ich die Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Atmung und Stimme, um den Kreis dann zu schließen und Yoga und Stimme in Verbindung zu bringen – für mich der ultimative Transfer deiner Yogapraxis von der Matte in die Welt.

Yoga und Atmung

Yoga und ein bewusster Umgang mit dem eigenen Atem sind seit jeher untrennbar miteinander verbunden.

Anna Trökes

Hinzu kommt jedoch, dass die Theoriebildung im Yoga sich immer auf der Grundlage der eigenen Erfahrungen und genauer Beobachtungen der Wirkung begründet, sodass die unterschiedlichen Lehrtraditionen des Yogas zu unterschiedlichen, sich teilweise sogar widersprechenden aus den Erfahrungen der Lehrmeister stammenden, subjektiven Theorien gelangten. Daher begegnen wir im Yoga einer Vielfalt von Definitionen und Bewertungen bestimmter Atemformen, wie beispielsweise von Atempausen „Kumbhaka“, oder der Ansicht eines natürlichen Atems (vgl. ebd.).

„Patanjali beschreibt die Tendenz des Geistes, sich mittels der Sinneseindrücke und der Gedanken, Empfindungen und Gefühle fortwährend zu zerstreuen.“ (ebd., 60). Der Atem folgt dabei den Bewegungen des Geistes, der in der Regel durch ständige Aktivitäten „vritti“ unruhig ist. Mit der Atemarbeit im Yoga soll der Geist wiederum beruhigt werden. Der Atem soll methodisch über die Regulation der Verhältnisse von Einatmung, Ausatmung und den Pausen dazwischen ruhig, tief und fein werden, infolge dessen der Geist es auch werden soll (vgl. ebd.). Durch die zunehmende Beruhigung und Verfeinerung der Schwingungen der geistigen Aktivitäten soll die übende Person mehr und mehr zum meditativen Atem „Kevalakumbhaka“ gelangen. Der meditative oder auch als osmotisch bezeichnete Atem, der extrem flach und dünn ist, welchen wir dennoch als substanziell und nährend empfinden, leitet eine Geistesverfassung ein, die auch als „Turiya“ bezeichnet wird, als vierter Zustand bezogen auf die Zustände Wachbewusstsein, Traumbewusstsein und Tiefschlaf (vgl. ebd., 61). „In der tiefen mentalen Stille des „vierten Zustand“ heben sich die „Schleier“, die normalerweise die reine Wahrnehmung trüben, die als die eigentliche und wahre Natur unseres Geistes angesehen wird.“ (ebd.). Über die Atemarbeit wird also angestrebt, den Geist zu beruhigen, um in einen das Alltagsbewusstsein übersteigenden, form- und zeitlosen Bewusstseinszustand zu gelangen (vgl. ebd.).

Die Yogapraxis soll uns also dabei helfen, unseren natürlichen Atem wahrzunehmen und zu beobachten, um ihn mit Übungen zu vertiefen, zu regulieren und zu beruhigen (vgl. ebd., 62). Der yogischen Atemarbeit werden somit körperliche, geistige, wie auch spirituelle Wirkungsweisen zugeschrieben.

Ich möchte mich von der yogischen Atemarbeit gar nicht distanzieren, lediglich möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass es in der Atem- und Stimmarbeit wie ich sie durchführe nicht ausschließlich um die Erreichung des meditativen Atems geht.

Ich setze Atemarbeit so ein, dass ihre Wechselwirkungen mit der Stimme genutzt und in der Welt für die Welt ökonomisch verfügbar gemacht werden. Dafür ist es wichtig, den eigenen Atemrhythmus erst einmal zu erfahren, um diesen dann physiologisch und somit regenerativ für sich einsetzen zu können. Auch im pulsierenden Rhythmus des Lebens und der Welt. Das ist hier mein Ansatz. Wie gelingt da der Blick von der Physiologie des Atems auf Yoga?

Atmung und Yoga

Zum Glück wird beim Hatha-Yoga viel an der Haltung, also der Aufrichtung gearbeitet. Denn: „Eine physiologische Aufrichtung ist die Voraussetzung für eine freie und ökonomische Atembewegung, denn der Wirkungsgrad der Atemmuskulatur hängt von der Spannung der Aufrichtungsmuskulatur sowie von der Stellung der Wirbelsäule und des Schultergürtels ab.“ (Lang/Saatweber 2010, 188).

So ist beispielsweise durch eine hypotone, schlaffe Rückenmuskulatur mit eingefallener Haltung und übermäßig gekrümmter Brustwirbelsäule – wir kennen sie, die Cowboyhaltung – die freie Bewegung der Rippen und des Brustbeins eingeschränkt. Der Brust- und Bauchraum wird durch die Annäherung von Becken und Brustbein eingeengt, die Organe dazwischen werden dementsprechend zusammengedrückt und schränken so die abdominale Atmung, das Atmen in den Bauch ein (vgl. ebd.).

Beim sogenannten Hohlkreuz hingegen können die Zwerchfellschenkel, das sind die an den lumbalen, also an der Lendenwirbelsäule gelegenen muskulären Ansätze unseres Hauptatemmuskels, des Zwerchfells, nicht richtig kontrahieren, also sich zusammenziehen und ihrer Arbeit nachgehen. In diesem Fall können die Organe nicht nach unten ausweichen, weil die Lendenwirbelsäule verstärkt in den Bauchraum ragt. Es kann nicht in den unteren Rücken geatmet werden, also keine wirklich ökonomische und physiologische Atmung stattfinden (vgl. ebd.).

Wird hingegen eine vermeintlich aufrechte Haltung erzwungen, indem der Bauch fest eingezogen und das Brustbein gehoben wird („Bauch rein, Brust raus“), werden einerseits die oberen Einatemhilfsmuskeln an Brustbein, Schlüsselbeinen und  Hals aktiviert und andererseits die Zwerchfellfunktion durch die angespannten Bauchmuskeln behindert werden (vgl. ebd.). Danke, Gesellschaft!

In all diesen Fällen kann die Lunge und insbesondere die unteren Lungenlappen nur eingeschränkt und mühsam belüftet werden. Das Ergebnis: Ein verkleinertes Lungenvolumen, welches die Atembögen und somit auch die Sprechbögen verkürzt (vgl. ebd., 189). Aber dazu später mehr.

Wie kommt Yoga da nun ins Spiel? Beim Yoga wird nicht nur die Wahrnehmung auf die Atmung gelenkt, was häufig bereits automatisch eine Atemvertiefung hervorruft (vgl. ebd., 128), es wird auch sehr aktiv und konzentriert an der Aufrichtung gearbeitet. Die Asanas sollen sowohl mühelos als auch stabil sein, „sthiram sukham aasanam“ (Patanjali, zit. nach Swami Satyananda Saraswati 2008, 8), also wird mit Widerständen, dem Aufspannen zwischen Himmel und Erde gearbeitet (vgl. Swami Satyananda Saraswati 2008, 148 f.; Saatweber 2002, 52). Außerdem wird im Yoga sehr intensiv an der Aufrichtung gearbeitet, und das insbesondere bezogen auf die physiologische Aufrichtung der Wirbelsäule, an der das Zwerchfell angewachsen ist (vgl. Lang/Saatweber 2010, 173 f.). Wie oft hast du beim Yoga schon den Satz gehört: „Schaffe Länge in deiner Wirbelsäule“? Oft? Jetzt weißt du, wieso.

Aber es geht noch weiter: „Der Mensch ist durch seine aufrechte Haltung gleichsam aufgespannt zwischen „oben“ und „unten“. Aus dieser Bipolarität ergibt sich notwendigerweise ein Dazwischen, eine Mitte. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wo genau sich die Körpermitte befindet. So liegt nach der japanischen Zen-Lehre die Mitte im Bereich des Körperschwerpunktes unterhalb des Nabels, im „Hara“, während beim indischen Pranyama-Yoga die Mitte auf der Höhe des Solarplexus angenommen wird. Beobachtet man diese beiden Punkte genauer, so fällt auf, daß das Zwerchfell, der Hauptatemmuskel, eine Verbindung zwischen ihnen darstellt, denn es entspringt mit seinem hinteren Teil (pars lumbalis) an der Lendenwirbelsäule, mit der es im Bereich des 2. bis 4. Lendenwirbels sehnig verwachsen ist. Etwa auf dieser Höhe liegt das Hara. Mit seinem Mittelteil (pars costalis) ist das Zwerchfell am unteren Rippenrand verwachsen, der vordere Teil (pars sternalis) setzt am Schwertfortsatz des Brustbeines an.“ (Saatweber 2002, 52 f.). Das Zwerchfell bildet also gleichsam unsere Körpermitte. Hinzu kommt, dass der obere Teil unseres Skeletts allein auf der Lendenwirbelsäule aufbaut. Er wird neben ihr nur von Haltemuskulatur und den Bauchorganen getragen. Eine gute Mittelkörperspannung kann die Haltemuskulatur – das ist die, die uns Rückenschmerzen macht, wenn sie überlastet ist – dabei enorm entlasten. Diese wiederum ist abhängig von der Durchblutung der Bauchorgane und von der Luftfüllung des Brustkorbes. Beide Faktoren sind wieder abhängig davon, wie das Zwerchfell arbeitet. „Hieraus ist ersichtlich, daß Haltungserziehung, soll aus ihr nicht ein äußerliches Zurechtbiegen werden, nur im Zusammenhang mit der Atmung erfolgen darf.“ (ebd., 54). An aufrechter Haltung sollte also, um organisch und zum naturhaften Bedürfnis zu werden, nur in engster Verbindung zur Atmung und Atemspannung gearbeitet werden (vgl. ebd.). Da ist Yoga doch richtig gut dabei.

Das heißt, dass eine lebendige und von innen getragene Haltung durch eine gute Atemspannung ermöglicht wird. So entsteht ein guter Bezug des Menschen zum Boden und zum ihn umgebenden Raum, in dem freies Agieren möglich wird. Für die Aufrichtung ist die Atemspannung die Hauptkraft, die Spannung der Rückenstrecker die Hilfskraft. „Die Haltung wird von der Atmung getragen, versagt die Atmung, so versagt die Haltung“ (Jacobs, zit. nach Saatweber 2002, 54).

Stellen wir daraus wieder einen Bezug zum Yoga her, wird ersichtlich, dass auch die Asanas vom Atem getragen werden. Der Atem liefert dem Körper nicht nur den nötigen Sauerstoff zur Versorgung der Muskulatur, die Energie „Prana“  sondern auch die innere Haltekraft, um stabil und frei in der Asana sein zu können. Es ist also durchaus sinnvoll, nicht nur in der Stimmtherapie sondern auch beim Yoga Bewegung und Atmung in einen gemeinsamen Rhythmus zu bringen und die Wechselwirkungen so optimal auszunutzen. „Ziel atemverbundener Haltungs- und Bewegungsarbeit ist das Finden der Balance zwischen Handeln und Geschehen-lassen, das (Wieder-)Finden des Rhythmus aus Zusammenziehung, Streckung und Lockerheit in Atmung und Bewegung, so daß eine Regeneration auch bei vergrößerter Bewegung und Steigerung der Leistung möglich ist.“ (ebd., 55).

Lass deine Atmung in deiner Yogapraxis fließen und verbinde deine Bewegung mit deinem Atem. Das sagt schon Swami Satyananda Saraswati: „Coordinate the breath with the asana practice.“ (Swami Satyananda Saraswati 2008, 14).  Sei dir deiner Atemphasen bewusst und nutze diese wiederum für deine Bewegungsqualität. Wichtig ist, dass dein Atem frei, ja geradezu passiv fließen kann, womit du dich in deiner Bewegung wiederum verbindest. Du synchronisierst Atem- und Bewegungsrhythmus miteinander. So findest du (zurück) zu deinem inneren Rhythmus, der dich trägt. Womöglich wirst du deine Yogapraxis so als wesentlich angenehmer und regenerativer erleben.

Atmung und Stimme

Die Atmung ist der Motor für deine Stimme. In der Einatmung zieht sich das Zwerchfell, dein Hauptatemmuskel zusammen und erweitert so deinen Lungenraum nach unten, deine Rippenbögen weiten sich und durch den Unterdruck in deiner Lunge strömt die Luft ein. Die Stimmlippen, das sind die Muskeln, die im Kehlkopf liegen und deine Stimme erzeugen, sind dabei geöffnet. Möchtest du nun einen Klang produzieren, also sprechen oder singen oder seufzen oder stöhnen, so schließen sich deine Stimmlippen. Deine Ausatemluft kriegt nun einen Widerstand entgegengesetzt, den deiner geschlossenen Stimmlippen. Die Spannungszustände deiner Atem- und Stimmmuskulatur wirken aufeinander ein und du produzierst beispielsweise einen Ton. Wie dieser Ton klingt, hängt maßgeblich von diesen Wechselwirkungen zwischen Atem- und Stimmspannung ab.

Es geht sogar noch weiter: Da der Kehlkopf an der Luftröhre hängt, führt ein tiefer Zwerchfellgriff, also eine starke Kontraktion des Zwerchfells dazu, dass der Kehlkopf nach unten gezogen wird (vgl. Lang/Saatweber 2010, 192). Dadurch vergrößert sich der Resonanzraum, denn je länger das Rohr, durch das die Stimme klingt, desto mehr kann sie auch verstärkt werden. Sie wird also mühelos lauter und klangvoller. Hinzu kommt, dass sich Muskelspannungen in deinem Körper auf die umgebenden Muskeln auswirken. Die Spannung des Zwerchfells wirkt demnach auf deine Stimmlippenspannung (vgl. ebd.). Da diese ein bis zwei Zentimeter großen Muskeln sich für deine stimmliche Äußerung zusammenziehen und arbeiten, ist eine an die Atemspannung angepasste Spannung deiner Stimmlippen super. Mit einer tiefen Einatmung, die mühelos und organisch einfällt, hast du also schon viel für das physiologisch ausgewogene Spannungsgleichgewicht deiner inneren Kehlkopfmuskulatur, also für deine Stimme getan (vgl. ebd.).

Gerade hast du gelernt, wie Einatemqualität und Stimmqualität miteinander in Verbindung stehen. Nun komme ich dazu, wie die Ausatemqualität die Stimmqualität beeinflusst:

Da die Stimmlippen für einen gleichmäßigen Stimmklang sehr regelmäßig auf und zu schwingen müssen, ist dafür ein gleichmäßiger Ausatemstrom vonnöten. „Die Dosierung der Ausatemluft […] wirkt sich unmittelbar auf primäre Stimmfunktionen wie Schwingungsverhalten, Glottisschluss [Stimmlippenschluss; J. W.], Dynamik und Flexibilität der Kehlkopfmuskulatur aus“ (ebd.). Die gleichmäßige Dosierung der Ausatemluft wird vom Zwerchfell und den Zwischenrippenmuskeln gesteuert. Das heißt, Kraft, Ausdauer, Koordinationsfähigkeit und Flexibilität dieser Muskeln bestimmen nicht nur den Klang der Stimme sondern auch die Länge des Ausatembogens (vgl. ebd.). Wenn du deine Atemspannung flexibel und variabel einsetzen kannst, kannst du mühelos Lautheit und Melodie deiner Stimme variieren.

Die Qualität deiner Atmung bestimmt also in großem Maße die Qualität deines Stimmklanges. Dir darüber, also über deinen Atem bewusst zu werden, ist ein großer erster Schritt dahin, deinen Stimmklang ganz physiologisch resonanzreicher werden zu lassen.

Yoga und Stimme

„Die Aufrichtung des Körpers wirkt sich einerseits über die Beeinflussung der Atmung auf die Qualität der Stimmfunktionen aus“ (Lang/Saatweber 2010, 189) und andererseits über die Wirkung der Aufrichtung auf die Artikulation. Nämlich bewirkt eine aktive Anspannung der Bauchmuskulatur eine Anspannung an den Halsmuskeln. Spannungsdysbalancen im Bereich der Beckenbodenmuskulatur wirken sich auf die Spannung der Kiefer-, Nacken- und Mundbodenmuskulatur aus und muskuläre Überspannungen in der Schulter-Nacken-Muskulatur beeinträchtigen die Beweglichkeit von Kiefer, Zunge und dem Kehlkopf, in dem unsere Stimmlippen sitzen (vgl. ebd.).

Besonders aber wirkt sich das Aufrichtungssystem auf das Kehlkopf-Einhängesystem, also auf die hebenden und senkenden Muskeln des Kehlkopfes aus. „Das freie Spiel des Kehlkopf-Einhängesystems ist Voraussetzung für das physiologische Zusammenspiel der inneren Kehlkopfmuskeln, denn diese wirken in vielfältiger Weise auf die Resonanzfunktion und auf die Spannung der Stimmlippen.“ (ebd.). Wenn wir also beim Yoga an Aufrichtung und Atmung arbeiten – und das tun wir ja zum Glück immer, können sich sogar ohne die Stimme einzusetzen positive Effekte für deinen Stimmklang zeigen.

Wenn du Yoga, Atmung und Stimme aktiver in Einklang praktizieren möchtest, dann kann ich dir empfehlen, zunächst einmal deine Ausatmung auf ein ganz locker gebildetes [f] hörbar zu machen. Tu dies gar nicht länger, als deine Ausatmung gehen würde. Erzwinge dabei nichts und lasse die Pausen zu, die deine Atmung und dein Körper sich nehmen wollen. Du kannst dieses [f] wie eine einfache Variante des Ujjayi-Atems sehen. Ich mache das beispielsweise gerne bei Vinyasas. Beobachte deine Atembewegungen dabei. Wo bewegt der Atem deinen Körper? Wo nimmt sich dein Atem gerade Raum? Kann die Einatmung passiv in deinen Körper einfallen? Ist deine Bauchdecke locker und lässt deinem Zwerchfell Raum für die Einatmung? Kannst du die Atembewegung am unteren Rücken, also an den Lendenwirbeln, wo dein Zwerchfell angewachsen ist, wahrnehmen? Wie verhält sich dein Atem in den verschiedenen Asanas? Womöglich kannst du anfangen, ganz bewusst Asanas zu wählen, die dir genau die Atemraumerweiterung geben, die du brauchst. Ich liebe beispielsweise die Stellung des Kindes und den friedlichen Krieger.

Wenn du dich mit dem [f] wohlfühlst, kannst du als nächsten Schritt versuchen, dass das [f] während der Ausatmung gleichmäßig fließt, dass du also deine Ausatmung dosierst und so einen geführten Atemstrom erzeugst. Als nächsten Schritt nimmst du die Stimme hinzu. Aus dem [f] wird ein [v]. Behalte die Artikulationsspannung des [f] bei, sodass du zur Hälfte Geräusch und zur Hälfte Stimmklang hörst. Lass deine Stimme auf einen Ton erklingen, der sich für dich gut anfühlt. Versuche, die Stimme auf deinem Atem tanzen zu lassen, also keinen besonderen Klang zu erzeugen. Arbeite mit Selbstfürsorge und Wohlwollen mit dem, was gerade da ist. Womöglich wirst du merken, dass die Töne mit der Zeit länger werden. Dies wäre ein Zeichen für die Verlängerung deines Ausatembogens, ein natürlicher Effekt von ökonomischem, physiologischem Atem- und Stimmeinsatz. Dort könntest du dann weitermachen und Vokale an dein [v] hängen, mit denen du dich wohlfühlst.

Damit soll dir an dieser Stelle nur ein kleiner Einblick in die verbindende Arbeit von Yoga, Atmung und Stimme gegeben worden sein. Es geht und gibt noch so viel mehr. Zum Beispiel kannst du deine Stimme beim Yoga auch einsetzen, um bestimmte Chakren ganz präzise anzusprechen, so mit ihnen in Kontakt zu treten und diese Energie für dich nutzen (vgl. Sevenich 2011, 12). Der Autor beschreibt diese Arbeit als tiefe Selbsterfahrung; die Arbeit mit Körper, Atmung und Stimme kann auch ich nur als große Selbstentdeckung, die zu mehr Selbst-bewusst-sein führt, anpreisen. Daher finde ich, Yoga und Stimmtraining lassen sich ganz fantastisch miteinander verbinden.

Resümee

Ich hoffe, ich habe dir mit meinem Essay näher bringen können, welchen Wechselwirkungen Körper, Atmung und Stimme unterliegen. Es ist toll, dass du Yoga machst und du daher schon ganz viel am körperlichen, geistigen, seelischen Eutonus, also Spannungsausgleich arbeitest.

Womöglich wirst du von nun an bewusster deinen Atem wahrnehmen, wenn du Yoga machst. Vielleicht konnte ich dich hiermit auch dazu beflügeln, deine Atmung und sogar deine Stimme beim Yoga hörbar zu machen und die positiven Effekte dessen direkt zu transferieren. Ich wünsche es dir, dich auch auf spiritueller Weise mit der schöpferischen Kraft deiner Stimme zu verbinden, neugierig und probierfreudig zu sein. Also viel Freude und erhellende Erfahrungen damit!

Ein Hinweis noch: Wenn du beim Sprechen oder Singen häufig oder über längere Zeit Schmerzen empfindest, dich unwohl mit deiner Stimme fühlst oder von deinen Mitmenschen besorgt auf deine Stimme hingewiesen wirst, empfehle ich dir unbedingt eine Stimmtherapie. Gehe dafür zu deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt, HNO-Ärztin/Arzt oder Phoniater*in und lass dir eine Verordnung für eine Stimmtherapie ausstellen. Ich kann es dir in jedem Fall nur empfehlen, denn eine womöglich diagnostizierte Störung kannst du höchstwahrscheinlich nicht im Alleingang und mit atem-achtsamem Yoga behandeln. Meine Ausführungen hier dienen nur der Erklärung der Zusammenhänge und sollen einen Einblick in die Möglichkeiten geben, Atem- und Stimmarbeit in die Yogapraxis zu integrieren, wie ich das in meiner Arbeitsweise vorhabe. Sie ersetzen keine Therapie.

Quellen

Georgi, Martina (2013): Der Einfluss von Hatha-Yoga auf den Erwerb sensomotorischer Fertigkeiten in der Ausbildung der Sängerstimme. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doctor philosophiae (Dr. phil.). Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Lang, Antoni / Saatweber, Margarete (2010): Stimme und Atmung. Kernbegriffe und Methoden des Konzeptes Schlaffhorst-Andersen und ihre anatomisch-physiologische Erklärung. Schulz-Kirchner Verlag. Idstein.

Saatweber, Margarete (2002): Einführung in die Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen Atmung, Stimme, Sprache, Haltung und Bewegung in ihren Wechselwirkungen. Schulz-Kirchner Verlag. Idstein.

Sevenich, Joachim (2011): Chakra Vokal-Training. Chakras und die magische Kraft der Stimme. Verlag Via Nova, Petersberg.

Swami Satyananda Saraswati (2008): Asana Pranayama Mudra Bandha. Bihar School of Yoga (Hg.). Yoga Publications Trust, Munger, Bihar, India.

Trökes, Anna (2013): Yoga und Atem – typenpolare Atemdynamik in Yogapraxis und Yogaunterricht. In: Trökes, Anna / Seyd, Margarete: Yoga und Atemtypen. Fachbuch für eine individuelle Yogapraxis für Lehrende und Lernende. Aurum Verlag in J. Kamphausen Verlag, Bielefeld.

Photo by Jason Rosewell on Unsplash