Kumbhaka – Die Pause im Atem-Universum

Autor*in:Svantje Buchholz, IFY Teacher Training Hamburg 2022
Kommentar:Alle abgebildeten Abschluss- und Hausarbeiten im Spiritainment sind, wie auch diese, im Rahmen von Inner Flow Ausbildungen entstanden. Sie sind weiter geistiges Eigentum der Autor*innen und werden mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.

Beschreibung & Ausrichtung / Praxis

Unser Atem ist ein Kreislauf, ein Zyklus der uns Säugetiere am Leben erhält. Sauerstoff strömt durch unsere Atmungsorgane Nase oder Mund, dringt in unser System ein, versorgt unseren Körper mit Lebensenergie (Prana) und strömt dann auf dem gleichen Wege als Kohlendioxid wieder aus. Diesen Kreislauf müssen wir nicht beeinflussen; unser vegetatives Nervensystem tut dies reflexartig von ganz allein, ohne dass wir unseren Körper daran erinnern müssen zu atmen. (BR Wissen, https://www.br.de/wissen/lunge-aufbau-funktion-corona-102.html)

Soweit kennen wir unseren Atem-Zyklus bereits und wissen ebenfalls, dass wir unser Nervensystem durch gezielte Atmung beeinflussen können. Wir aktivieren unseren Parasympathikus (der kurzgefasst für Entspannung steht) durch eine bewusst langsame und intensive Atmung und der Sympathikus (unser Fight or Flight Barometer) wird beruhigt und kann sich entspannen, wodurch wir uns vom Stress-Empfinden entfernen. Die bewusste Ein- und Ausatmung kann uns also in einen anderen Gemütszustand bringen.

Doch was passiert eigentlich dazwischen? Welches Geheimnis liegt zwischen unserem Ein- und unserem Ausatem verborgen?

Seit ewiger Zeit liegt den indischen Yogis und ihren Sehern, den Rshis, Wissen darüber vor, dass wir durch eine Atempause in unserem Körper auf allen Ebenen Berge versetzen können. Nicht nur beobachteten sie, dass die Menschen durch eine Unterbrechung ihres nie zu versiegen scheinenden Stroms der Lebensenergie (dem Atem) sich noch mehr Energie in ihr Leben einladen konnten. Auch bemerkten sie, dass der menschliche Geist in der Pause still wurde, was unter anderem zur Auflösung der Identifikation mit alltäglichen Problemen und Sorgen führte. Und nicht nur das – der Geist schien sich aufzulösen! Es war, als ob die Menschen wieder zurück geführt wurden zu ihrer eigentlichen göttlichen Existenz, an die sie sich durch die Atempause, die Pause des alltäglichen, wieder zu erinnern schienen. (Anna Trökes, https://www.yoga-aktuell.de/yoga/pranayama-atmung/kumbhaka-die-hohe-kunst-der-atempause/ )

Was von den Entdeckungen der alten Yogis und Rshis ist also auch heute noch anwendbar und erlebbar?

Kumbhaka

Das Wort Kumbhaka stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „den Atem anzuhalten“, es steht aber auch für „die Atemübung“ allgemein. In diesem Artikel liegt der Hauptfokus auf der ersten Definition, also der Bezeichnung von Kumbhaka als Atempause, ergo das Anhalten des Atems nach der Ein- oder nach der Ausatemphase im Üben von Pranayama. Neben dieser Begriffsbestimmung von Kumbhaka als Atempause, gibt es ebenfalls das Konzept der „8 Maha Kumbhakas“ (Surya Bheda, Ujjayi, Sitkari, Sitali, Bhastrika, Bhramari, Murcha, Plavini) nach Swami Sivananda, auf welche in diesem Text allerdings nicht weiter eingegangen wird.

Kumbhaka, als die Phase zwischen den Atemphasen, hat ebenfalls folgende Unterdefinitionen:

  • Bahya Kumbhaka – nach vollständiger Ausatmung
  • Antara Kumbhaka – nach vollständiger Einatmung
  • Kevala Kumbhaka – eine sehr flache / minimale Atmung

Bahya Kumbhaka und Antara Kumbhaka sind die sogenannten „bewussten“ Anhaltephasen. Beide Techniken zählen zum Sahita Pranayama, da wir sie willentlich steuern, indem wir unsere Lungen mit Luft füllen (puraka = Einatmung), den Atem anhalten (Antara Kumbhaka) oder sie zur Gänze leeren (rechaka) und dann den Atem gezielt anhalten (Bhaya Kumbhaka). (Yoga Vidya, https://wiki.yoga-vidya.de/Kumbhaka#Die_8_Maha_Kumbhakas_Swami_Sivananda_.C3.BCber_Kumbhaka )

Dies können wir beginnen zu praktizieren in dem wir uns (idealerweise wie bei jeder Pranayama Praxis) in einen bequemen und aufrechten Sitz begeben. Die Wirbelsäule bleibt aufgerichtet, der Nacken ist lang, die Gesichts-, Schulter und Bauch-Muskeln sind entspannt. Ebenso die Oberschenkel. Langsam bringen wir unseren inneren Fokus auf unseren Atem und nehmen ihn bewusst wahr, wie er durch unsere Nasenflügel ein- und ausströmt. Nun können wir beginnen ihn tiefer werden zu lassen und unser ganzes Lungenvolumen auszuschöpfen. Wir atmen tief und weit ein und lassen den Atem vollends wieder ausströmen und unsere Lungen sich leeren. Mit diesem Muster verfahren wir einige Male, bis sich unser System an den Rhythmus gewöhnt hat. Nun können wir das Atem-Modell um Antara Kumbhaka (nach der vollständigen Einatmung) und ebenfalls durch Bahya Kumbhaka (nach vollständiger Ausatmung) erweitern.

Diese Übung können wir auch mit der sogenannten Quadrat-Atmung in Verbindung setzen. Hier atmen wir für (beispielsweise) 4 Zählzeiten ein, halten den Atem für 4 ZZ in Antara Kumbhaka an, atmen für 4 ZZ aus und halten ihn wieder für 4 ZZ in Bahya Kumbhaka an. Dies kann beliebig oft wiederholt werden. Auch können die Zählzeiten erweitert oder verringert werden, sodass man beispielsweise die Atem-Zeiten Stück für Stück auf 6,8,10 usw. ZZ erweitert.

Bandhas

Bandhas sind sogenannte Energieverschlüsse mit denen wir im Sahit Pranayama arbeiten können um noch mehr Prana (Lebensenergie) in unserem System zu erzeugen und in unserem Körper zu integrieren. Die Aktivierung kann durch das „simple“ anspannen der verschiedenen Bandhas ausgelöst werden. Die für Sahit Pranayama wichtigen Bandhas sind die folgenden:

Mula Bandha – der Wurzelverschluss, im Schambereich angesiedelt

Uddiyana Bandha – die Bauchkontraktion, im Solarplexus-Bereich sitzend

Jalandhara Bandha – der Halsverschluss, im Kehlkopf-Bereich

Maha Bandha –die Zusammenführung aller drei Bandhas

Wenn wir die Bandhas in Verbindung mit Sahit Pranayama gezielt setzen, kann dies bei regelmäßiger Praxis weitere Energie in unserem Körper freisetzen.

(Petra Orzech, https://www.yogaeasy.de/artikel/die-glorreichen-drei )

Kevala Kumbhaka

Soweit bezieht sich alles auf eine bewusste Kumbhaka Praxis.

Wenn wir allerdings weiter gehen, tief in der Meditation und in den Atemtechniken versinken und somit dann den Atem nicht mehr bewusst stoppen, sondern er sich mit der Zeit ganz intuitiv beruhigt und immer langsamer und flacher wird, gelangen wir in den Zustand von Kevala Kumbhaka, welcher auch als „meditativer Atem“ bezeichnet wird. Hierbei kommt der Atem fast gänzlich zur Ruhe und ist kaum noch wahrnehmbar. Nur wenn sich dieser Zustand von alleine einstellt (meist durch fortgeschrittene Pranayama Praxis ausgelöst) spricht man von Kevala Kumbhaka.

Wirkungen

Physisch

Der menschliche Körper reagiert unterschiedlich stark auf die Anhaltung des Atem.

In der Regel kann man aber eine relativ schnelle bzw. direkte Wirkung in unserem Körper und ebenfalls in unserem emotionalen System spüren, wenn man beginnt Sahita Pranayama und somit auch Kumbhaka zu praktizieren. Unsere Lunge füllt sich zur Gänze und somit werden alle unsere inneren Körper- und Organsysteme mit ausreichend Sauerstoff versorgt. Stoffwechselprozesse können gut laufen und auch unsere Verdauung, Muskeln, sowie auch unser Herz-Kreislauf-System profitieren von alldem. Der Motor kann sozusagen wie geschmiert laufen. Auch unser Immunsystem stärkt sich, durch die (durch dauerhafte Pranayama Praxis auftretende) Expansion der Lungenflügel und dem Fassungsvermögen. (Yoga Box, https://www.yogabox.de/blog/kumbhaka-das-anhalten-des-atems-beim-yoga/ )

Psychisch

Der eigentliche Grund hinter der Kumbhaka Praxis der alten Yogis, bezog sich nicht nur auf ihr Wissen um die gesundheitlichen Aspekte dieser Übung, doch auch besonders auf die bewusstseinserweiternden Fähigkeiten, die diese Praxis mit sich bringt. Nicht zuletzt, da Pranayama im Allgemeinen das Ziel hat den menschlichen Geist zu reinigen und den Körper von energetischen Blockaden zu befreien. Denn ist diese Reinigung erreicht, kann Prana wieder frei entlang der Nadis (Energiebahnen) fließen. Dies hat eine ganzheitliche (physische und mentale) Gesundheit zur Folge. Doch viel wichtiger war den alten indischen Weisen das Erreichen eines mentalen Zustands der Verschmelzung mit dem Universum. Die körperliche Erkenntnis durch das akute Gefühl des „All-Eins-Seins“ mit der Natur und dem gesamten Leben um uns herum. (Philip Strohm, https://www.yogamehome.org/yoga-blog/artikel/atme-yogi-atme )

Kontraindikationen

Allgemein sagt man, dass man Pranayama Techniken nicht bei Erkältungen anwenden sollte. Und auch während einer Schwangerschaft wird geraten zuerst einen Arzt zu kontaktieren, bevor man mit der Praxis fortfährt. Aus eigener Erfahrung kann ich allerdings sagen, dass abgesehen davon, dass das Lungen- und Atemvolumen bei einer Erkältung sehr eingeschränkt ist, sich gerade die Praxis der Kumbhaka in einer Erkältung sehr förderlich für den Heilungsprozess anfühlen kann.

Warum habe ich diese Technik ausgewählt?

Seit einiger Zeit beschäftigt mich mein eigener Atemrhythmus. Begonnen hatte diese Faszination für den Atem in einer emotional schwierigen Phase in meinem Leben. 2018 war ich kurz davor eine Reise nach Bali anzutreten. Zu der Zeit lebte ich noch in London wegen meines Tanzstudiums und war vielen äußeren Reizen ausgesetzt. Auf eine Art war ich komplett mit meiner Lebenslage überfordert, da ich gerade nach Beendigung meines Bachelors Semesterferien hatte und nach meiner einmonatigen Reise nach Indonesien und Thailand meinen Master in Contemporary Performance practice beginnen wollte. So ungefähr 3 Tage vor meinem Reisebeginn, spürte ich plötzlich zerreißende innere Anspannung, als ob ich keine Luft mehr bekommen würde und überhaupt nicht mehr wüsste wo ich hingehöre, was ich dort in dem kleinen Zimmer meiner Mitbewohnerin eigentlich tat und weshalb ich überhaupt dort war. Die 2. Panikattacke meines Lebens, wie ich dann heraus fand. Ausgelöst wurde das ganze durch meine Identifikation mit der Trennung eines Mannes, den ich zu der Zeit gedated hatte. Seine Abweisung ließ mich all diese innere Anspannung fühlen und brachte mich vollkommen aus dem Konzept. Es ging soweit, dass ich vor lauter Unruhe bereits mit dem Gedanken spielte meine Reise nicht anzutreten.

Ich versuchte mich mit verschiedensten Techniken zu beruhigen. Mir selbst deutlich zu machen, dass ich nicht von einer Meinung im Außen abhängig war. Doch nichts half – keine Bewegung, kein Tee trinken um zu entspannend, keine Gespräche mit meiner Freundin.

Bis ich bewusst aufhörte zu atmen. Plötzlich ließ die Anspannung nach. Stück für Stück.

Ich begann tief ein- und auszuatmen, setzte immer längere Pausen zwischen den Atemphasen und mein gesamtes System fuhr herunter. Ich beruhigte mich und mein Innerstes begann sich wieder neu zu zentrieren.

Auch während meiner Reise hatte ich nochmals eine Panikattacke und konnte mich durch gezieltes Atmen wieder beruhigen. Seitdem hat meine Faszination für den Atem an sich und die Öffnung für unsere Verbindung mit etwas Höherem in diesem Universum durch unsere Atmung nicht aufgehört. Jedes Mal, wenn ich nun Atemtechniken durchlaufe und mich auf mein Prana konzentriere, bemerke ich wie es mein System beruhigt und alle äußeren Einflüsse und die damit verbundenen Ängste, Unsicherheiten und Anspannungen relativiert.

Und auch heute noch bemerke ich immer wieder, wie durch die Kontrolle und die Präsenz in meiner Aufmerksamkeit auf den Atem, innere Blockaden aufgelöst werden und ich mich besser und energetisiert fühle, sobald ich den Atem bewusst steuere und besonders wenn ich ihn anhalte.

Quellenangaben

BR Wissen, verfügbar auf: https://www.br.de/wissen/lunge-aufbau-funktion-corona-102.html , aufgerufen am 10.04.2022

Yoga Aktuell, verfügbar auf: https://www.yoga-aktuell.de/yoga/pranayama-atmung/kumbhaka-die-hohe-kunst-der-atempause/ , aufgerufen am 10.04.2022

Yoga Box, verfügbar auf: https://www.yogabox.de/blog/kumbhaka-das-anhalten-des-atems-beim-yoga/ , aufgerufen am 10.04.2022

Yoga Easy, verfügbar auf: https://www.yogaeasy.de/artikel/pranayama-die-yogischen-atemuebungen , aufgerufen am 10.04.2022

Yogamehome, verfügbar auf: https://www.yogamehome.org/yoga-blog/artikel/atme-yogi-atme , aufgerufen am 10.04.2022

Yoga Vidya, verfügbar auf: https://wiki.yoga-vidya.de/Kumbhaka#Die_8_Maha_Kumbhakas_-_Swami_Sivananda_.C3.BCber_Kumbhaka , aufgerufen am 10.04.2022