Advaita Vedanta und die Neurowissenschaft

Autor*in:Nadine Lutz, IFY Teacher Training Darmstadt 19/20
Kommentar:Alle abgebildeten Abschluss- und Hausarbeiten im Spiritainment sind, wie auch diese, im Rahmen von Inner Flow Yoga Ausbildungen entstanden. Sie sind weiter geistiges Eigentum der Autor*innen und werden mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.

Wie sich neuere Erkenntnisse der Wissenschaft den Lehren der Yoga-Philosophie nähern

Exposé

Der vorliegende Essay versucht, die Neurowissenschaften und die Philosophie der Advaita Vedanta im Hinblick auf deren zentralen Aussagen, Begrifflichkeiten und Modelle zu vergleichen. Ein Vergleich, der bereits daher spannend erscheint, da die Neurowissenschaften gerade erst in den letzten vier Jahrzehnten in den Fokus gelangten während die Philosophie der Advaita Vedanta bereits 788 bis 820 n.Chr. von Shankaracharya begründet wurde (Vidya, Yoga Vidya Community, 2014).

Advaita Vedanta ist das nicht-dualistische Vedanta, das Vedanta der Einheit  (Vidya, Yoga Vidya Community, 2014), in dem alle Unterscheidungen von Objekt und Subjekt nicht real sind (Eitle, 2019). Die Neurowissenschaft hingegen fokussiert sich auf die Untersuchung kognitiver Informationsverarbeitung und die Entstehung und den Ablauf von emotionalen Reaktionen sowie Bewusstsein und Gedächtnis. Ein Bereich, der ein altes Dogma – oder um es in der ‚Sprache‘ der Advaita Vedanta zu sagen, eine Identifikation aufgelöst hat: das adulte menschliche Gehirn kann sich weiterentwickeln, womit die Begrifflichkeit der Plastizität des Gehirns geprägt wurde (Zimmermann, 2018).

Im Essay werden darüber hinaus ausgewählte zentrale Begriffe der Wissenschaft und Philosophie näher betrachtet und versucht, miteinander zu vergleichen oder zu verbinden:

Vernunft, Empfindungen und das wahre Selbst. Während in den Wissenschaften die Vernunft und Rationalität versucht, Antworten zu finden und im Individuum als vordringlich verstanden wird, hat Psyche oft einen negativen Beigeschmack (Ennenbach, 2015) und Empfindungen werden oft vernachlässigt (Huether, 2018). Im Advaita Vedanta geht das Modell der 3 Körper und 5 Hüllen über den Äußeren Körper und den Intellekt hinaus, die beide nur eine von fünf Hüllen oder zwei Körper darstellen – das wahre Selbst Atman ist damit nicht erreicht.

Strukturelle Veränderungen, Reaktionsmuster und Prägung. Sowohl in der Neurowissenschaft, als auch in der Advaita Vedanta ist die „Nutzung“ von Erinnerungen, Erfahrungen, Wissen wichtig – denn dadurch werden Nervenbahnen verstärkt oder abgeschwächt (Neurowissenschaften) oder es erfolgt eine Prägung, sog. Samskaras (Advaita Vedanta).

Potentialentfaltung und Sattva. Die Biologie mag zwar definieren, was aus uns werden könnte, aber was tatsächlich aus uns wird, liegt an den Erfahrungen, die wir im Laufe unseren Lebens machen und welche Bedeutung sie für uns haben und welche ‚Gedankenspur‘ sie stärken oder schwächen, die genannten Samskaras. Durch Sattva, der reinen Klarheit, können die Prägungen aufgelöst werden.

Zusammenfassend kann Hüther (2018) herangezogen werden, der sagt, dass die Neurowissenschaften noch viele positive Erkenntnisse hervorbringen werden. Er sieht das Ende des Zeitalters der Vernunft und ebnet hier auch in der Wissenschaft die Tür, die Identifikation mit der Rationalität zu brechen und sich dem Empfinden, der Psyche, dem Bewusstsein zu öffnen.

Einleitung

„Alles ist eins. Das wahre Selbst.“

Dies sind Sätze, die mich schon lange faszinieren, und die zu verstehen ich bisher eher mit dem Intellekt, der Rationalität angegangen bin. In meinem Psychologiestudium wurde dies durch die wissenschaftliche Herangehensweise verstärkt und erst durch meine Coachingausbildung vor ein paar Jahren, begann ich mich, mit Themen, wie dem Wesenskern zu beschäftigen und der Spiritualität, aber so wirklich greifen konnte ich es noch nicht. Auch jetzt im Rahmen der Yogalehrerausbildung höre ich den Ausführungen immer gespannt zu, aber das Muster, die Prägung, etwas rational erklären zu können, ist noch zu stark. Aus diesem Grund habe ich dieses Thema gewählt, denn die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften ermöglichen mir als rationalem Menschen auch einen besseren Zugang zu alten Philosophien wie Advaita Vedanta. Diesen Drang des Verstehen Wollens, des mehr über die Philosophie und ihren Begrifflichkeiten, wollte ich mit diesem Essay nachkommen – mich öffnen, beginnen, die Identifikation aufzuarbeiten.

Es ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Welt der Wissenschaft, wie auch aus der Philosophie der Advaita Vedanta, somit werde ich beiden nicht gerecht, aber für mich ist es ein Beginn.

Advaita Vedanta

Advaita Vedanta ist eine Philosophie, die von Shankaracharya 788 bis 820 n.Chr. begründet wurde (Vidya, Yoga Vidya Community, 2014). Advaita Vedanta bedeutet ad=nicht vai=zwei nicht zwei Vedanten, oder anders ausgedrückt, der nicht-dualistische Vedanta, das nicht-dualistische Ende des Wissens (veda=Wissen) und steht somit für das Vedanta der Einheit (Vidya, Yoga Vidya Community, 2014).

Abbildung 1: Shankaracharya – Lehrer des Advaita Vedanta (Vidya, Wiki Yoga Vidya, 2012)

Das Verständnis von Advaita Vedanta um Nicht-Dualität als höchste Dualität im Absoluten, bedeutet, dass alle Unterscheidungen von Subjekt und Objekt (Ich und ein physisches Objekt, Ich und eine Erfahrung, Ich und ein Gefühl etc.) nicht real sind (Eitle, 2019). Dies beruht auf drei zentralen Lehrsätzen von Shankaracharya (Eitle, 2019; Vidya, Yoga Vidya Community, 2014):

  • Brahman (das Absolute) allein existiert, ist wirklich – Brahma Satyam.
  • Die Welt, wie wir sie wahrnehmen ist nur scheinbar wirklich, existiert so nicht – Jagan Mithya.
  • Die individuelle Einzelseele ist nichts anderes als Brahman – Jivo Brahmaiva Napara.

Sukadev (Vidya, Wiki Yoga Vidya, 2012) fasst Advaita Vedanta wie folgt zusammen: „Sarvam Kalvidam Brahman. Alles ist wahrhaftig Brahman. So kann Advaita Vedanta auch ausgedrückt werden. Was du siehst, ist Brahman, was du nicht siehst, ist Brahman. In deinem Inneren ist Brahman, die Welt ist Brahman, Gott ist Brahman, überall Brahman.” Alles ist eins – die absolute Einheit.

Um dies intellektuell zu erklären, gibt es unter anderem zwei Modelle: Drei Körper und Fünf Hüllen (Panchakosha), auf die im Kapitel der vergleichenden Betrachtung zentraler Begrifflichkeiten näher eingegangen wird.

Neurowissenschaften

Als Neurowissenschaften werden alle naturwissenschaftliche Forschungsbereiche bezeichnet, in denen Aufbau und Funktion der zentralen Einheiten aller Nervensysteme, den Neuronen und anderen Zelltypen analysiert werden. Hierbei wird die Neurowissenschaft, die hauptsächlich den Aufbau und die Funktion des Gehirns von Primaten (Menschen und Affen) untersucht, umgangssprachlich oft unter der Bezeichnung Hirn- oder Gehirnforschung bezeichnet (Wikipedia, 2020). Darüber hinaus zählt die Untersuchung der kognitiven Informationsverarbeitung als auch die Entstehung und Ablauf  von emotionalen Reaktionen sowie Bewusstsein und Gedächtnis zu den Neurowissenschaften – gerade hier gab es in den letzten Jahrzehnten für die Wissenschaft überraschende Wendungen in den Annahmen, welche im Folgenden im Fokus stehen sollen.

Lange Zeit war in der Wissenschaft der Lehrsatz unbestritten, dass das erwachsene Säugerhirn (einschließlich menschlichen Gehirns) keine neuen Neuronen hervorbringen kann (Zimmermann, 2018), welches bedeutete, dass entsprechend dieser Annahme das Gehirn sich nicht mehr weiterentwickeln kann. In den 1980er und 1990er Jahren kam es allerdings zu Entdeckungen in der Neurowissenschaft, die dieses Dogma auflöste und aufgrund der Möglichkeit der Neubildung von Neuronen aus adulten neuralen Stammzellen den Begriff der Plastizität des Gehirns in den Vordergrund rückte (Zimmermann, 2018). Die Fähigkeit des Gehirns strukturelle Anpassungen vorzunehmen, wird im folgenden Kapitel bei der vergleichenden Betrachtung der Begrifflichkeiten noch näher betrachtet und erläutert.

Vergleichende Betrachtung zentraler Begrifflichkeiten

In diesem Kapitel sollen ausgewählte Begrifflichkeiten, die eine gute vergleichende Darstellung aus wissenschaftlicher und philosophischer Sicht der Advaita Vedanta erlauben, erfolgen.

Vernunft, Empfindungen und das wahre Selbst

In den Wissenschaften wird versucht, mit dem Verstand Antworten zu finden. So auch, dass wir uns selbst allein mit der Vernunft gestalten können. Letztlich leben wir Advaita Vedanta folgend aber lediglich in einer selbst-kreierten Realität, die nur von unserem Geist geschaffen ist und die mit Leiden und Ängsten verbunden ist (Eitle, 2019). Hüther (2018) sagt, dass wir nun an das Ende des Zeitalters der Vernunft kommen, denn alles mit Hilfe des Verstandes und rationaler Entscheidungen überwinden zu können, hat sich nicht erfüllt. Vielmehr hat paradoxerweise die Wissenschaft bestätigt, dass Denken allein nicht ausreicht, sich in der Welt zurechtzufinden. Die Erkenntnis lautet: „Denken können wir, was wir wollen. Sogar Handeln können wir – zumindest eine Zeitlang – nach unserem eigenen Gutdünken. Aber um glücklich und zufrieden, mutig und zuversichtlich leben zu können, müssen wir in der Lage sein, etwas zu empfinden. Wir müssten also die Intelligenz und die Kraft unserer Gefühle wiedererkennen, schätzen und nutzen lernen (Huether, 2018, S. 87).

Dies schätzen zu lernen, Identifikationen aufzulösen, um zum wahren Selbst zu kommen, hier kann man aus dem Vedanta die eingangs erwähnten Erklärungsmodelle der 3 Körper und 5 Hüllen ansetzen.

Drei Körper und fünf Hüllen

Das Modell der drei Körper und fünf Hüllen hilft dabei, uns selbst besser zu verstehen, insbesondere die Unterscheidung von „was sind wir“ und „was sind wir nicht“. Hierbei sind wir weder auf Köper noch Geist begrenzt, sondern der Philosophie der Advaita Vedanta folgend Brahman alles eins – ein unendliches Bewusstsein (Vidya, Wiki Yoga Vidya, 2019).

Dieses Bewusstsein findet sich in drei Körpern, die als Shariras bezeichnet werden:

  1. Sthula Sharira – der physische, dingliche, grobstoffliche Körper mit dem Bewusstseinszustand Wachsein; Sanskrit: Bhur.
  2. Sukshma Sharira – der astrale, geistige, feinstoffliche Körper mit dem Bewusstseinszustand Traum; Sanskrit: Bhuvah.
  3. Karana Sharira – der kausale, ursächliche Körper mit dem Bewusstseinszustand Tiefschlaf; Sanskrit: Swaha.

Alle drei Körper zusammen machen Sinn und sind wichtig. Die drei Körper sind auch im Wort Om, welches in keiner Yoga- oder Meditationseinheit fehlt, wiederzufinden. Die drei Buchstaben A U und M (ausgesprochenes Om=Aum) können hierbei sowohl als für die drei Götter Vishnu (A), Shiva (U) und Brahma (M) oder als die drei Bewusstseinszustände Wachen (A), Träumen (U) und Tiefschlaf (M) verstanden werden (Lotuscrafts, n.d.), d.h. die gerade beschriebenen drei Körper.  Hinzu kommt ein vierter Bewusstseinszustand – die Stille (der Punkt über dem (M)), der alle Zustände zusammenführt und es keine Differenzierung mehr gibt.

Abbildung 2: Om und seine Bedeutung (Vgl. Lotuscrafts, n.d.)

Neben den drei Körpern wird das Modell der Panchakosas zur intellektuellen Erklärung von Advaita Vedanta herangezogen.

Pancha=fünf, Kosha=Hülle – fünf Hüllen können mit den drei Körpern in Beziehung gesetzt werden, die die existentielle Ebene (Atman) verdecken (Inner Flow Yoga, 2019). Dabei wird die existentielle Ebene, das wahre Selbst durch die Identifikation mit den einzelnen Hüllen und deren Anhaftungen nicht mehr erkannt. Die fünf Hüllen sind im Einzelnen:

  1. Annamaya Kosha – die grobe Hülle, die äußere Hülle; Sthula Sharira;
  2. Pranamaya Kosha – die Energie Hülle, Lebensenergie; Sukshma Sharira;
  3. Manomaya Kosha – die Geist- oder Gefühlshülle, hier sitzen die Emotionen; Sukshma Sharira;
  4. Vijnyanamaya Kosha – die Intellekt Hülle, inneres Wissen; Sukshma Sharira;
  5. Ananadamaya Kosha – die Wonne Hülle, Hülle der Glückseligkeit; Karana Sharira
Panca Kosha Yoga Kunst, Kunst Inspo, Chakra, Therapie, Lehrer
Abbildung 3: Pancakosa (Deckert, n.d.)

Auch Tolle (2007) beschreibt in seinem Buch „Jetzt!“, dass man sich nicht in seinem Verstand suchen soll und das man sich durch die Identifikation mit ihm, ein falsches Selbst erschaffen hat (Tolle, 2007), welches im Model der Shariras und Panchakoshas letztlich bedeutet, dass man noch im Sukshma Sharira und in der Manomaya oder Vijnanamaya Kosa anhaftet. Wie kann man dies lösen? Wie die Identifikationen erkennen auf auflösen? Hier soll in der nächsten vergleichenden Betrachtung drauf eingegangen werden.

Strukturelle Veränderungen, Reaktionsmuster und Prägung

In den Neurowissenschaften spielt in der Hirnregion der Hippocampus eine wesentliche Rolle beim Einspeichern und Abrufen von Gedächtnis und ist zu einem Modelsystem für die Analyse von chemischen sowie strukturellen Veränderungen im Gehirn geworden welche neuronaler Plastizität zugrunde liegen (Zimmermann, 2018). Die Veränderung in den synaptischen Verbindungen neuronaler Netzwerke durch die Ausbildung von Gedächtnis wurde in mehreren Studien gezeigt. Zimmermann (2018, S. 7) drückt dies auch wie folgt aus: „Es ist seit langem bekannt, dass die ‚Benutzung‘ synaptischer Verbindungen eine Veränderung ihrer Effizienz bewirkt.“ Hierbei ist sowohl eine Verstärkung als auch eine Abschwächung der Übertragung möglich.

Während die Neurowissenschaft hier traditionsgemäß Neuronen, Zellen etc. als Beschreibung für die neu entdeckten Erkenntnisse heranzieht, nutzt Gerald Hüther hier eine eingängigere Beschreibung für Jedermann: „Wie die neueren Ergebnisse der Hirnforschung zeigen, werden Erfahrungen immer gleichzeitig auf der kognitiven, auf der emotionalen und auf der körperlichen Ebene in Form entsprechender Denk-, Gefühls- und körperlicher Reaktionsmuster verankert und aneinander gekoppelt (‚Embodiment‘).“ (Huether, 2018). Wenn eine Erfahrung immer wieder gemacht wird, so verdichtet sich diese im Frontalhirn zu einer inneren Überzeugung.

Diese strukturellen Veränderungen im Gehirn, die sich in der Sprache der Hirnforschung verstärken (und auch abschwächen) können, die in der Sprache von Hüther verankerte Muster sind, werden in der Sprache der Advaita Vedanta Samskara genannt.

Samskara leitet sich am von Sam=gemeinsam, zusammen und Kara=Handlung, Ursache, Tun – und kann somit als die Gesamtheit an unserem Verhalten zugrundeliegenden Ursachen beschrieben werden (Inner Flow Yoga, 2019). Im Advaita Vedanta wird der Begriff der Prägung genutzt. Alles, was wir nach Außen tun, sagen, oder hören, hinterlässt Spuren. Wenn etwas immer wieder getan, gesagt, gehört wird, wird die Spur stärker – die Prägung.

Der Begriff der Prägung ist deshalb so wichtig, weil nur, wenn wir verstehen, wie wir wurden, was wir jetzt sind, wir daraus eventuell folgern können, wie wir uns verändern können (Ennenbach, 2020). Eine elementare Frage der Menschen für die es viele Erklärungsmodelle gibt, wobei das bekannteste Modell im Kontext der Diskussion zwischen Anlage (vererbt) versus Umwelt (erlernt, erfahren) über Jahrzehnte kontrovers diskutiert wurde. Die einen sehen die Erklärung für die Art und Weise wie wir uns entwickeln in unserer genetischen Anlage, die anderen argumentieren, dass unsere Umwelt, den größeren Einfluss auf unsere Entwicklung ausübe (Ennenbach, 2020). Gerade in der Entwicklungsbiologie und Entwicklungspsychologie wurden in den vergangenen Jahren viele Untersuchungen mit dem Versuch, den Einfluss der jeweiligen Bedingungen der Umwelt auf die Entwicklung, insbesondere deren Hirnentwicklung, durchgeführt (Huether, 2018). Sowohl Hüther (2018) als auch Ennenbach (2020) schlussfolgern, dass es auf wissenschaftlicher Ebene hier keine vollständige Auflösung der Diskussion gibt. Aus Sicht der Advaita Vedanta, deren Quintessenz alles ist eins, auf der Suche nach dem wahren, inneren Selbst, welches aufgelöst ist von allen negativen verankerten Samskaras ist, ist auch Anlage versus Umwelt eins. Nichts kann mit, nichts kann ohne auf dem Weg der Selbsterkenntnis und gleichzeitig muss nichts, aber kann alles, um die eigenen Potentiale zu entfalten. Die Potenzialentfaltung wird im nachfolgenden Unterkapitel erörtert.

Potentialentfaltung und Sattva

Hüther (2018) beschreibt die ‘Baustelle Gehirn‘ als nicht nur viel umbaufähiger als bisher angenommen, sondern führt auch die Einheit von Körper und Geist, Denken und Fühlen an, welches die Basis für die Möglichkeit ist, Änderungen auf allen Ebenen zu erfahren. Hier setzt die Potentialentfaltung an denn wir können uns selbst gestalten. Zwar mag die Biologie festlegen, was aus uns werden könnte, aber was tatsächlich aus uns wird ist von den Erfahrungen abhängig, die wir im Laufe des Lebens machen (Huether, 2018).

„Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein. Unsere größte Angst ist, grenzenlos mächtig zu sein. Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit ängstigt uns am meisten.“ (Nelson Mandela in Hüther, 2018, S. 122). Die Aussage von Mandela verdeutlicht, dass wir uns im Prozess der Selbstentfaltung oft selbst im Wege stehen, mit unseren verankerten Mustern, Gedankenspuren, Samkaras. Wie bereits im vorangegangen Unterkapitel, können und müssen der Philosophie des Advaita Vedanta zufolge die Samskaras aufgelöst werden um das wahre Selbst und dass wir schon immer alles eins waren zu erkennen. Über Sattva ist es möglich an die ursachliche Prägung, die Muster heranzukommen um diese aufzulösen. Sattva ist eine der drei Gunas – Eigenschaften oder Qualitäten. Sattva steht für Klarheit, Reinheit, das Echt und steht auch für das Feinstoffliche (vgl. Unterkapitel Vernunft, Empfindungen und das wahre Selbst). Auch Eckhart Tolle spricht von der Befreiung vom Verstand, um auf wiederholende Gedankenmuster aufmerksam zu werden und Klarheit bzw. Befreiung zu finden (Tolle, 2007).

Potentialentfaltung funktioniert nicht allein – die Beziehung zu anderen ist immer notwendig (Huether, 2018). Im Hinblick auf Advaita Vedanta kann man hier den Vergleich dahingehend ziehen, dass auch das Verstehen der Lehren nur mit einem Lehrer möglich ist: so lernt in der Bhagavad Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus und auf den älteren Veden beruhende Schrift, Arjuna von seinem Lehrer Krishna.

Zusammenfassung & Fazit

Bei der vergleichenden Betrachtung ist auffallend, dass die Wissenschaft selbst lang in der Vernunft und dem Ego verhaftet war und sich nun in den letzten Jahrzehnten, insbesondere dank neuer wissenschaftlicher Forschungsrichtungen wie der Neurogenesewissenschaft oder Epigenetik auch dem Gefühl, dem Geist, den Erfahrungen und dem Körper öffnet oder zumindest in einer anderen Art und Weise öffnet. Auch Ennenbach in seinem Buch „Psychosomatik“ versucht hier den Ansatz von Gleichheit von Psyche und Körper mehr in das Verständnis zu tragen und die teils negativen Anhaftungen dem Wort Psyche zu nehmen, in dem er sagt, dass wir genauso alle funktionieren – mit Psyche und Körper (Soma) im Einklang bzw. Kopplungen (Ennenbach, 2015).

Wenn man bedenkt, dass die Philosophie bereits vor 788 bis 820 n.Chr. vermittelt wurde, so kann man nur hoffnungsfroh vermuten, dass auch in den Neurowissenschaften noch viel positives entdeckt werden wird, was letztlich schon geschrieben steht und nur von den Anhaftungen befreit werden muss.

Dies wird auch den vernunftsgetriebenen Menschen wie mir helfen, sich wieder mehr zu trauen – zu trauen, über die äußere Hülle des Körpers, die Lebensenergie, den Geist, den Intellekt und die Glückseligkeit, mein wahres Selbst wiederzuerkennen. Auch auf diesen Weg kann man sich in unterschiedlicher Weise begeben: mit der Verhaltenstherapie, die den wissenschaftlichen Gedanken in sich trägt, und mit der ABC – Methode (Activity, Believe, Consequence) arbeitet, oder durch die Spiritualität mit Hilfe von Meditation und insbesondere Achtsamkeitsmeditation. Letztlich geht es in beiden Ansätzen darum, zu erkennen, dass man seine Prägung, die Samskaras, aufarbeiten und auflösen kann.

Panta rhei – alles fließt und ist in Bewegung – die Welt, unser menschliches Gehirn, unser Selbst.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Shankaracharya – Lehrer des Advaita Vedanta (Vidya, Wiki Yoga Vidya, 2012) 6

Abbildung 2: Om und seine Bedeutung (Vgl. Lotuscrafts, n.d.) 9

Abbildung 3: Pancakosa (Deckert, n.d.) 10

Literaturverzeichnis

Deckert, N. (kein Datum). Pinterest. Abgerufen am August 2020 von Pinterest: https://www.pinterest.de/pin/219269075586385133/

Eitle, C. (26. August 2019). Yoga Easy. Von Yoga Easy: https://www.yogaeasy.de/artikel/eine-einfuehrung-in-die-advaita-vedanta abgerufen

Ennenbach, M. (2015). Psychosomatik ist die Art und Weise wie wir alle funktionieren. Oberstdorf: Windpferd.

Ennenbach, M. (2020). Buddistische Psychotherapie. Ein Leitfaden fuer heilsame Veraenderungen (6. Ausg.). Oberstdorf: Windpferd.

Huether, G. (2018). Etwas mehr Hirn, bitte. Goettingen : Vandenhoeck & Ruprecht Verlage.

Huether, G. (2018). Was wir sind und was wir sein koennten. Ein neuro-biologischer Mutmacher. (9. Ausg.). Frankfurt am Main: FISCHER Taschenbuch.

Inner Flow Yoga. (2019). Inner Flow Yoga – Teacher Training Handbuch. Darmstadt: Inner Flow Yoga.

Lotuscrafts. (kein Datum). Abgerufen am 26. August 2020 von Lotuscrafts: https://www.lotuscrafts.eu/blogs/blog/om-bedeutung-und-herkunft

Tolle, E. (2007). Jetzt! Die Kraft der Gegenwart (17. Ausg.). Vancouver: Namaste Publishing Inc.

Vidya, Y. (4. November 2012). Wiki Yoga Vidya. Von Wiki Yoga Vidya: https://wiki.yoga-vidya.de/Datei:ShankaradergroeLehrerdesVedanta.jpg abgerufen

Vidya, Y. (15. April 2014). Yoga Vidya Community. Von Yoga Vidya Community: https://mein.yoga-vidya.de/video/advaita-vedanta-die-philosophie-der-einheit abgerufen

Vidya, Y. (16. September 2019). Wiki Yoga Vidya. Abgerufen am 27. August 2020 von Wiki Yoga Vidya: https://wiki.yoga-vidya.de/3_K%C3%B6rper_und_5_H%C3%BCllen?gclid=CjwKCAjwnK36BRBVEiwAsMT8WDc7qV8L3gYq3fjrMmb7zLHnHwWhJ5GeR7GviIeFBd0hxYZS1EXY_BoCY6YQAvD_BwE

Wikipedia. (25. Juli 2020). Wikipedia. Von Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Neurowissenschaften abgerufen

Zimmermann, H. (2018). Plastizitaet und Erneuerungen im adulten Gehirn. Frankfurt am Main: Franz Steiner Verlag Stuttgart.

Image by John Hain from Pixabay