मत्स्यासन matsyāsana – die Fischstellung

Autor*in:Sebastian Meißner, IFY Teacher Training Kirchheim 2022
Kommentar:Alle abgebildeten Abschluss- und Hausarbeiten im Spiritainment sind, wie auch diese, im Rahmen von Inner Flow Ausbildungen entstanden. Sie sind weiter geistiges Eigentum der Autor*innen und werden mit deren freundlicher Genehmigung hier veröffentlicht.

Mythologie

Vor langer, sehr langer Zeit geschah es, dass Brahma der Schöpfer, einschlief. Damit löste er nichts Geringeres aus, als die Auflösung des Universums. In diesem Chaos stahl sich der Dämon Hayagreeva mit den vier Veden davon, die die gesamte Weisheit der Welt enthielten.

Daraufhin nahm Lord Vishnu die Form eines Matsya (Fisch) an. Immer wenn die kosmische Ordnung (Dharma) bedroht ist, nimmt Vishnu, der Bewahrer Gestalt an, um die Schöpfung und ihre Geschöpfe zu retten.

Geschichte zu Matsyavatar (Avatar = Abstammung)

Vor dieser langen Zeit badete König Satyavrat in einem Fluss, als ein winziger Fisch in seinen hohlen Händen schwamm. Dieser rief: „Majestät, beschütze mich!“ Er legte den Fisch in eine Kokosschale und nahm ihn mit nach Hause. Am nächsten Morgen merkte der König, dass der Fisch viel grösser geworden war und gab ihm eine neue Schüssel. Auch aus dieser wuchs er schnell heraus, dann auch aus den Teichen und Seen. Der König beschloss, ihn ans Meer zu bringen. Der Fisch bat den König, nicht in ein Meer voller Monster gebracht zu werden.

Der König merkte wohl, dass dies kein gewöhnlicher Fisch sein kann und bat ihn, seine wahre Form zu offenbaren. Nun stand Lord Vishnu vor ihm und erklärte ihm, dass in sieben Tagen die gesamte Welt überflutet sein wird. „Aber ich werde dir ein Boot schicken“, sagte der König „und du wirst mir helfen, die Welt wieder aufzubauen. Während der nächsten sieben Tage musst du alle Arten von Samen und Pflanzen sammeln, die auf der Erde wachsen und die feinstofflichen Körper aller Arten von Kreaturen. Wenn du ankommst, packe das alles in das Boot. Benutze Vasuki, die kosmische Schlange, als Seil, um das Boot an der Flosse auf meinem Kopf festzubinden, und ich werde dich sicher über die Flut tragen.“

So belud der König das Boot zur festgesetzten Zeit mit allen Arten von Samen und Heilpflanzen und mit den subtilen Formen aller Lebewesen. In der Zwischenzeit hatte Lord Vishnu – die Veden aus Hayagreevas Fängen gerettet und sie sicher mit der weltrettenden Fracht verstaut. Während sie segelten, sprach Matsyavatar zum König göttliche Weisheit und lehrte ihn alles über das Yoga von Jnana (Weisheit), Bhakti (Hingabe) und Karma (Handlung). Sie segelten über Zeitalter und Äonen, bis Brahma erwachte. Eine glänzende neue Welt tauchte dann aus dem Ozean auf, und der König wurde der Manu – der Gesetzgeber, Herrscher und Vater – der Geschöpfe dieses neuen Zeitalters. Dieser Diskurs ist heue als Matsya Purana bekannt.[1]

Beschreibung der Asana

„Matsya“ heißt Fisch, „Asana“ heißt Stellung oder auch innere Haltung. Soll heißen, du bist dir wie ein Fisch bewusst, dass er von Wasser umgeben ist und du umgeben bist vom Göttlichen. Fühle dich in ihm so wohl, wie der Fisch im Wasser.“

Sukadev, Yoga Vidya

Matsyasana, die Fischstellung, ist eine der 12 Grundstellungen der Shivananda-Reihe, die auch die Rishikesh-Reihe des Hatha-Yoga genannt wird. Diese Stellungen eigenen sich für jedes Lebensalter und sollen langsam und meditativ mit tiefer Bauchatmung ausgeführt werden. Sie verbessern die Körperkontrolle, befreien von Ängsten, habe eine tiefe spirituelle Wirkung und helfen, Vertrauen und Gelassenheit zu integrieren (vgl. Yoga Vidya Wiki). Matsyasana wird in der Shivananda Grundreihe nach Halasana dem Pflug und darauffolgend Pashchimottanasana, die Vorwärtsbeuge, praktiziert. Diese Asana gehört, aufgrund ihrer Dehnungsausrichtung, zu den Rückbeugen in der Rückenlage. Der Brustkorb wird hierbei stark aufgedehnt. In der Ashtanga-Tradition, ist sie ein Teil der Endsequenz und dient dort eher dazu, die stark dynamische Praxis abzurunden. Die Hathapradipika erwähnt diese Stellung nicht, während Iyengar-Yoga sie praktiziert. Leicht verwechselbar mit Ardha Matsyendrasana, welches aber der Drehsitz ist und dem Herrn der Fische – Matsyendra gewidmet ist.

Ausrichtung

Da in unserer westlichen Welt und der Anatomie der Menschen, meist von einem Lotussitzt abzuraten ist, möchte ich hier über die vereinfachte Stellung des Fisches schreiben. Diese wird, statt die Füßen im Lotussitzt haltend, mit gestreckten Beinen ausgeführt.

Bei der Asana kommt es zu einer Wirbelsäulen-Extension und einer leichten Hüftflexion. Die Knie befinden sich in einer Extension. Das Schulterblatt rotiert dabei nach unten und befindet sich dabei in einer Adduktion. Die Ellenbogenbeuge befindet sich in einer Flexion und der Unterarm in einer Pronation. Der gesamte Brustkorb befindet sich in einer Protraktion. (vgl. Leslie Kaminoff, Yogaanatomie)

Spiraldynamisch sollte darauf Wert gelegt werden, dass der Oberarm sich in einer Außenrotation und der Unterarm in einer Innenrotation befindet. Dies ermöglicht eine gelenkschonende Ausführung. Die Oberschenkel rotieren dabei leicht nach außen und der Unterschenkel nach innen, was ein Mehr an Stabilität bewirkt. Dabei verhilft diese spiraldynamische Ausrichtung zu mehr Stabilität und so kann man sich völlig in die Asana hingegeben.

Gerade für den Cowboy-Typ bietet sich Matsyasana an. Die weite Öffnung des Brustkorbs und der Kehle lassen seine meist verspannten Schulter- und Rückenmuskeln weicher werden. Für den Anfang auch gern die Asana mit Blöcken unterstützen. Menschen, die viel am PC arbeiten, profitieren ebenso von dieser Asana. Prinzessinnen sollten dabei nicht in ein Hyperlordose fallen, was aber mit Uddiahna-Bandha vermieden werden kann. Wie in vielen Asanas förderlich, ist es Mula-Bandha zu halten und dadurch Apana zum Aufsteigen zu zwingen. Weiterhin führt es zu einer guten Balance im unteren Teil des Körpers.

Wirkungen

Physische Ebene

Die Asana des Fisches stärkt die Muskulatur in der Rückseite des Körpers. Mit der Streckung der Wirbelsäule werden die Wirbelsäulenextensoren und der große Lendenmuskel (psoas major) beansprucht. In den Beinen kommt es durch die Extension zur Beteiligung des Quadrizeps (quadriceps femoris), des Kammmuskels (pectineus) und des Oberschenkelfaszienspanner (tensor fasciae latae). Im Bereich des Schultergelenks wird hauptsächlich der Unterschulterblattmuskel (subscapularis) benutzt. Die Innenrotation des Schulterblatts ermöglicht der große Rundmuskel (teres major) ebenso wie der breite Rückenmuskel (latissimus dorsi). Der Trapezmuskel und die Rautenmuskeln (Rhomboiden) führen zur Adduktion der Schulterblätter. Die Pronatoren im Unterarm drehen die Hände Richtung Boden. Im Bereich des Brustkorbs kommt es dabei zu einer Dehnung der vorderen Nackenmuskulatur und der Zwischenrippen. Dabei verlängert sich der Bauchmuskel, um auf der Vorderseite Widerstand zu leisten. In den Armen werden der Hakenarmmuskel (coracobrachialis) und die Brustmuskeln zusammen mit dem Bizepskopf, dem Boxermuskel (serratus anterior) und dem vorderen Deltamuskel verlängert (vgl. Leslie Kaminoff, Yogaanatomie).

Mit der Extension der Wirbelsäule erreichen wir dabei eine Zunahme der Lungenkapazität, durch die wir uns vitaler fühlen. Es werden die Bauchorgane massiert und dabei können Verstopfungen gelöst werden. Es erhöht weiterhin die Blutzirkulation in den beanspruchten Bereichen. B.K.S. Iyengar schreibt: „Die Schilddrüse zieht Nutzen aus der Übung, da auch der Hals gestreckt wird. Der Beckenbereich wird geschmeidiger.“ Der Fisch „heilt entzündete oder blutende Hämorrhoiden“.

Feinstoffliche Ebene

Auf der feinstofflichen Ebene sind es Visuddha- und Anahatachakra (Kehl- und Brustchakra), die angesprochen werden. Das Energiezentrum der Kehle steht für Verbindung, Offenheit, Kommunikation und Ausdrucksvermögen. In diesem Chakra werden Sonne (Ha) und Mondenergie (tha) miteinander verbunden und gereinigt.

Anahata Chakra ist das Chakra der Liebe und des Herzens. Wenn alle Liebe, Freude und Emotionen im Körper gereinigt sind und das Herz ganz geöffnet ist, kann sich die Energie im Vishuddha Chakra ausdrücken. (vgl. Yoga Vidya Wiki)

Die Flankendehung in Matsyasana unterstützt Prana- und Udhana-Vayu.

Udhana Vayu oder auch „aufsteigende Winde“ ist das Vayu, das Prana von den unteren zu den oberen Chakren leitet. Dieses Vayu befindet sich hauptsächlich zwischen dem Herzen und dem Kopf. Als ausdrucksstarkes Vayu regiert Udhana das Kehlkopfzentrum. Kommunikation und Ausdruck werden von diesem Vayu besonders beeinflusst, ebenso die Schilddrüse und Nebenschilddrüse, die den Stoffwechsel regulieren (vgl. The Yoga sanctuary).

Alles, was wir aufnehmen – von Wahrnehmungen, Emotionen bis hin zu den Nahrungsmitteln, die wir konsumieren, – wird über Prana-Vayu aufgenommen. Dieser Kanal befindet sich im Herzen und im Gehirn. Er ermöglicht uns Empfindungen, Gefühle und Gedanken mit dem Geist aufzunehmen.

Matsyasana hilft, das Herz zu öffnen und die damit verbundenen emotionalen Spannungen zu lösen. Es gibt ein Gefühl der Freiheit, der Offenheit und Freude. Getreu nach dem Motto: Ich öffne mein Herz und fühle mich frei und wohl wie ein Fisch im Wasser. (vgl. Das große Hatha Yoga Buch) Genau wie Matsya von Tag zu Tag wächst, ist es unser Herz, unser Mitgefühl, das sich täglich mehr ausdehnt – das ist unser göttlicher Aspekt, der innere Matsya (vgl. embody-yoga.at).

Kontraindikationen

Man sollte diese Asana nicht ausführen, bei akuten Beschwerden der Halswirbelsäule und dem unteren Rücken. Auch wenn die Schultergelenke Entzündungen aufweisen, sollte davon abgesehen werden Matsyasana zu praktizieren. Leidest du an Zwischenrippenneuralgie, einer Herzenge oder du hast eine große Narbe im Brustraum, dann verzichte ebenso darauf.

Sequenz

Vorbereitend für die Asana sind leichte Rückbeugen hilfreich. Beginnen kann man mit der Kobra, dem heraufschauendem Hund und der Schulterbrücke. In einer weiterführenden Praxis dann auch durch den Bogen und dem Grashüpfer, um den Brustkorb weitere Dehnung zu geben.

Um diese herzöffnende Position zu beruhigen, könnte man anschließend sich zuerst in ein kleines Päckchen (Pawanmuktasana) rollen, um Energie loszulassen. Eine Asana mit Rotation wird als Gegenbewegung nach der rückliegende Rückbeuge empfohlen. Ein Beispiel wäre die rückenliegende Wirbelsäulendrehung (Supta Matsyendrasana), die auch gleich im Liegen ausgeführt werden kann. Anschießend könnte man in die sitzende Vorwärtsbeuge (Paschimottanasana), wie sie in der Sivananda Reihe praktiziert wird. Auch Schulterstand (Sarvangasana) und der Pflug (Halasana) sind geeignete Gegenbewegungen.

Variationen

Vereinfachen lässt sich die Asana mit Unterstützung durch Blöcke oder Kissen. Dabei können die Blöcke in ihrer Höhe variiert werden, um eine größere Öffnung des Brustkorbs zu erreichen. Diese könne in ihrer Höhe variiert werden und liegen auf Höhe des Herzens und am Hinterkopf. Durch die unterschiedliche Höhe, lässt sich der Grad der Protraktion bestimmen. Die Variante mit gestreckten Beinen gehört zu den vereinfachten Möglichkeiten, Matsyasana auszuführen. Dabei liegt das Gewicht dann auf den Ellbogen und der Kopf ist auf dem Scheitel abgelegt. Etwas schwieriger ist es dann schon, wenn die Arme nicht mehr unter dem Körper liegen, sondern daneben.

Mit fortgeschrittener Übungsdauer kannst du dann versuchen, Arme und Beine von dir diagonal nach oben zu strecken. Das Gewicht liegt dann hauptsächlich auf deinem Kopf. Richtig anstrengend wird es, wenn du deine Füße in den Lotussitz bringst und deine sich Hände unter dem Körper, neben dem Körper oder in der Luft befinden. Dies ist dann die volle Expression der Asana.

Ansagen und Affirmationen

Lege dich dazu auf deinen Rücken, schließe und strecke deine Beine, gib dann die Hände unter deinen Körper, am besten indem du dein Becken hebst und die Daumen darunter verhakst. Die Handflächen zeigen Richtung Erde und dein Gesäß ruht dann auf deinen Händen. Deine Ellenbogen sind nah beieinander und allein dadurch erreichst du schon eine leichte Brustkorböffnung. Einatmend hebst du deinen Oberkörper, Schultern und Kopf. Schaue dabei zu deinen Füßen. Das Gewicht liegt auf den Unterarmen und Ellbogen. Deine Schulterblätter sollten dicht beieinander sein. Nun kannst du langsam deinen Scheitel oder den Hinterkopf ablegen. Versuche dabei so wenig Gewicht wie möglich auf deinen Hinterkopf zu geben. (vgl. Das große Hatha Yoga Buch, YV)

Der Fisch verleiht ein Gefühl der Freiheit, der Offenheit und der Freude. Er unterstützt dich, dein Herz zu öffnen, Dich sichtbar zu machen und Deine Gaben in die Welt zu bringen. Die Liebe wieder fließen zu lassen, zu Dir selbst und zu den Mitmenschen.

Mögliche Affirmationen könnten lauten:

  • Ich fühle mich frei und wohl wie ein Fisch im Wasser
  • Ich schwimme mit dem Fluss der Energie
  • Ich öffne mein Herz und lasse meine Liebe erstrahlen
  • Ich gebe mich meinem Leben und meinen Aufgaben hin. (vgl. Das große Hatha Y Buch)

Warum habe ich diese Asana ausgesucht?

Als Cowboy-Typ habe ich sehr von dieser Asana profitiert. Die Vorstellung, völlig frei zu sein und mein Herz zum Himmel zu öffnen, ist eine schöne Erfahrung in die ich mich hingeben konnte. So manche Yogastunde war ich den Tränen nahe, welche ich auf verspannte Erinnerungen in meiner Brustmuskulatur zurückführe, die mir damit Erleichterung verschaffte. In Gesprächen beim ersten Intensivwochenende bei YV, habe ich von dem mythologischen Hintergrund der Asana erfahren und wollte mehr darüber erfahren. Dazu bot sich jetzt diese Hausarbeit an.


[1] https://yogainternational.com/article/view/the-mythology-behind-matsyasana-fish-pose

Yoga Vidya Wiki

Leslie Kaminoff, Yogaanatomie

Das große Hatha Yoga Buch, YV

embody-yoga.at

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